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Norbert Tadeusz in Düsseldorf : Gibt es heilige Pornographie?

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Schweinehälften in der Zirkuskuppel, ratlos: die seltsamen Akrobaten von Norbert Tadeusz, in „Gelbes Atelier“, 1985. Bild: Norbert Tadeusz / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019

Der Düsseldorfer Kunstpalast schaut in den Nachlass des Malers Norbert Tadeusz. Man weiß bei seinen Bildern nicht, ob man um die Protagonisten fürchten muss oder sie bewundern soll.

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          Es ist mehr als fünfzig Jahre her, dass sich Norbert Tadeusz in der Düsseldorfer Altstadt ein Tablett voll mit Altbier bestellte, um dieses, als es kam, auf den Boden zu schmettern. Während seine Malerei plötzlich und unvermutet Publikum fand – die Polizei, zum Beispiel, die eine Galerieausstellung schloss –, soff sich Tadeusz, wie er zärtlich genannt wurde, mit Imi Knoebel und Imi Giese zehn Jahre lang in die Nacht, um mit Anfang vierzig Ernst zu machen. In den achtziger Jahren wurde er trocken. Da gab es nur noch die Malerei.

          Es ist ganz erstaunlich, was der Kunstpalast Düsseldorf aus dem Nachlass (oder „Estate“, wie es heute oft heißt) des Malers geliehen hat, um auf das Werk eines Unablässigen zurückzublicken. Offensichtlich hatte es sich Tadeusz leisten können, an frühen Werken festzuhalten, wie dem simplen „Fenster“ von 1965, das in ein grünes Nichts blickt, oder der „Liegenden“ von 1967, die sich mit rührender Anmut begaffen lässt. Tadeusz war von Anfang an forsch und ohne Bedenken. Allemal waren ihm Richter’sche Zweifel oder Immendorff’sche Sinnstiftung wesensfremd. Falls ein Bild eine zu große Frage aufwarf, versuchte er sich am nächsten.

          Zwischen Furcht und Bewunderung

          Aber die Antwort war nicht gedacht, sondern halb gefühlt und halb berechnet; dann zunehmend kalkuliert. Er war unterwegs zu einer „Monumentalbildnerei“ – tatsächlich hieß so das Fach auf seiner letzten Professur in Braunschweig. „Vorletztes Palio“ von 2001, fünf Meter breit, zeigt in Aufsicht eine grellgelb unterlegte Rennbahn mit durchgehenden Pferden und stürzenden Jockeys, wobei die Schatten der Tiere, gänzlich unhippologisch, zurückverweisen in die Höhlenwelt. Man hat versucht, Tadeusz dem Expressionismus zuzuordnen, aber Antifuturismus wäre treffender.

          Norbert Tadeusz malte seinen „Sakral-Raum mit Flieger“ im Jahr 1971. Bilderstrecke

          Er betrieb zwei Ateliers, eines in Düsseldorf, eines bei Florenz. Von den Decken kamen Ringe oder Schlingen, an denen sich seine Modelle wie Zirkusakrobaten hängend in Szene setzen mussten. Er selbst probierte es auch kopfüber. Und wie in der Manege weiß man auch bei diesen Bildern nicht, ob man um die Protagonisten fürchten muss oder sie bewundern soll.

          In „Sakralraum mit Flieger“ dehnt eine Nackte im Neonlicht eine Strumpfhose so, dass sie unter den ausgestreckten Armen wie primitives Fluggerät erscheint; die Flügel des Ikarus nach Vitruv. Aber nein, die Hülle – außen Gold und innen rot – schwebt in der oberen Bildhälfte wie ein Tabernakel. Auf einer Tagung der Katholischen Akademie in Schwerte vor acht Jahren wunderte man sich über seine „bildliche Vermittlung zwischen dem immer wiederkehrenden Mythos des Helden und dem realen Ausgeliefertsein des Opfers“. Tatsächlich handelt es sich um eine Ambivalenz. Irritierend bleibt der Umweg des Malers über ein Schlachthaus in der Toskana. Die enthäuteten Tierleiber schleppte er – motivisch, jedenfalls – ins Atelier, wo sie mit nackten Akrobaten amalgamiert wurden. Es gibt in dieser Fleischschau etwas Gequältes, das kurz vor der Befreiung durch den Fetischismus haltmacht. Tadeusz spielte verbissen mit der Marienverehrung der eigenen Herkunft; aber gibt es heilige Pornographie? Der Anschluss zur Strumpfhose wollte nicht gelingen.

          Die wenigen gänzlich spielerischen Bilder kommen bezeichnenderweise ohne Modelle aus. „Marzipandreieck“ ironisiert das unfreiwillige Plappern der Artefakte in der Schmuddelecke des Ateliers. Das Bild „Skulpturen (à la Meyer, Meuser)“ macht sich auf formale Weise lustig über formale Kunst. Der „Pariser Klapptisch 2“ elaboriert das Caféstillleben als Trompe-l’Œil in der Manier von Hard-Edge-Malerei. Diese ironischen Beobachtungen entstanden zwischen 1978 und 1980, als ihm die Generation der Neuen Wilden im Nacken saß.

          Für Düsseldorfer Verhältnisse scheint diese Karriere selbst im Rückblick ungewöhnlich. Tadeusz war der Sohn eines Dortmunder Bergmanns gewesen, der aus Polen stammte. Die Akademie erreichte er auf dem zweiten Bildungsweg. Hätte er aber durch einen Zufall Anschluss gefunden an die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig als Ausgangspunkt der Maler der „Leipziger Schule“, würde man heute sagen: Klar, ein Vorläufer von Neo Rauch.

          Norbert Tadeusz. Im Kunstpalast, Düsseldorf; bis zum 2. Februar 2020, danach vom 8. Mai bis zum 2. August im LWL-Museum Münster. Der Katalog kostet 24,90 Euro.

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