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Preis der Nationalgalerie 2019 : Schießen Sie nicht auf den Schundroman!

Im Wachsfigurenhaus wartet Anne Frank auf Besucher: Simon Fujiwaras Installation „Likeness“ spielt mit der Sehnsucht der Gegenwart nach Geschichte zum Anfassen. Bild: EPA

Frauenkörperkonturen im Wald, Innereien auf Babyschaukeln: Der Hamburger Bahnhof zeigt die nominierten Künstler für den diesjährigen Preis der Nationalgalerie. Neben viel Beliebigem ist da auch Treffendes zu sehen.

          Die Frage, wie über Kunst vernünftig zu reden wäre, ist trotz vielfacher Antwortversuche nicht zu entscheiden. Wer sich, wie die frühesten Kunstkritiker, auf das beschränkt, was man sieht, läuft Gefahr, in den Ton von Auktionskatalogen zu verfallen; wer dagegen vor allem von sich selbst und seinen Eindrücken spricht, blendet oft aus, was ihn beeindruckt, eben die Kunst. Zudem spielt auch der Faktor Zeit eine Rolle. Wer ein Bild von Goya oder eine Installation von Beuys wirklich beschreiben wollte, brauchte eine Zeitungsseite und einen Nachmittag. Im Bedarfsfall ist meistens beides nicht vorhanden, so dass der Sprecher auf das zurückgreift, was am leichtesten greifbar ist: das platte, hohle und süffige Klischee.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dem Werk der kosovarischen Künstlerin Flaka Haliti, heißt es in der Einladung zur Ausstellung der vier Nominierten für den Preis der Berliner Nationalgalerie, sei „eine deutliche Aussage und zugleich eine starke metaphorische und poetische Qualität zu eigen“. Für die Schau im Hamburger Bahnhof hat Flaka Haliti aus Metall- und Plastikresten, die sie auf ehemaligen Stützpunkten der Kfor-Friedenstruppen im Kosovo fand, zwei liegende Figuren hergestellt. Die eine hebt die Beine wie zum Strampeln, die andere greift sich mit der Linken in den Schritt, in dem anstelle des Geschlechts eine silberne Glühbirne prangt. Hinter der zweiten Skulptur steht eine Plexiglasplatte mit zwei Engelsflügeln.

          Im Wald der Hitzewallungen

          An den Wänden des Raums hängen in Hüfthöhe kalligraphische Knäuel aus weißen Neonröhren. Sie sind, wie die gedruckte Handreichung der Kuratorin erklärt, Teil einer Werkserie, die sich mit „Fragen nach Identität“ und „gesellschaftlicher Einordnung auf der Basis von Aussehen, Herkunft und Geschlecht“ beschäftigt, und zeigen das verfremdete Konterfei einer Kunstfigur namens Joe.

          Die Französin Pauline Curnier Jardin wiederum setzt sich, so die Ansage, mit „unseren religiösen und kulturellen Traditionen sowie den gängigen Geschlechterrollen“ auseinander. Im mittleren der drei Räume, die Curnier Jardin im Hamburger Bahnhof bespielt, sind ein Dutzend Frauenkörperkonturen aus hautfarbenem Vinyl über eine dunkel bemalte Wandfläche verteilt, die die Künstlerin als „Wald der Hitzewallungen“ bezeichnet. Botticelli hat einmal eine Frau gemalt, die im Wald von Hunden zerrissen wird. Daran kann man vor dieser Installation denken, falls man das Bild von Botticelli kennt. Falls nicht, denkt man vielleicht auch an nichts.

          Strampelmännchen aus Metallresten: die Installation „Its Urgency Got Lost In Reverse“ der im Kosovo geborenen Künstlerin Flaka Haliti Bilderstrecke

          Curnier Jardins Hauptwerk in Berlin ist ein Film, der von fünf älteren Damen handelt. Obwohl jenseits der Menopause, beginnen sie wieder zu menstruieren – man sieht die Lachen zwischen ihren Füßen –, als sie mit jüngeren Männern Blickkontakt haben. Dann sind die Männer tot, ermordet, und die Damen sitzen im Gefängnis, wo sie mit Hilfe einer dunkelhäutigen Langzeit-Insassin einen kollektiven Orgasmus in getrennten Zellen genießen. Während drinnen im Saal diese mit knallharter Naivität hingehunzte Weiberfasnacht lief, gab draußen die Künstlerin mit strahlender Miene ein Fernsehinterview. Schlechte Kunst, das sieht man nicht nur hier, entsteht oft aus allerbester Laune.

          Über die in Berlin lebende Estin Katja Novitskova ist zu lesen, ihre Kunst könne auch als „Monument für die zeitgenössische ,koloniale‘ Expansion“ gelten, die „nicht geografischer, sondern biologischer Natur“ sei. Tatsächlich wähnt man sich in Novitskovas Installationen im Zentrum eines ständig expandierenden ortlosen Rummelplatzes – alles klingt, blinkt, schwingt und dreht sich, dass es eine Art hat. Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass das Tohuwabohu mit Liebe gemacht ist: die muschelförmigen Plexiglastabletts voll stilisierter Herzen, Hoden und Hirne, die auf elektrische Babyschaukeln der Firma 4Moms montiert sind; die Riesen-Aufsteller mit Fotografien verschiedener Entwicklungsstadien des Fadenwurms C. elegans; die Rasterdrucke von wilden Tieren, die dank digitaler Bildsegmentierung und „Skelettierungs-Algorithmen“ (so die freihändig fabulierende Ausstellungsbroschüre) an Höhlenmalereien erinnern.

          „Fifty Shades“ aus Blattgold

          Die gut dreißigtausend Euro, die jeder der Nominierten als Projektbudget bekommt, sind in dieser monströsen Bastelei optimal angelegt: Nie war die Objektdichte pro Quadratmeter im Hamburger Bahnhof größer. Nur bleibt von dem unsagbar Vielen am Ende nur der vage Eindruck, dass es eben viel war. Und wenig zugleich.

          Den letzten Slot der Ausstellung besetzt der in London geborene Japaner Simon Fujiwara. Sein Beitrag zerfällt in zwei Teile: Im ersten reiht er dreihundert gebrauchte Exemplare des amerikanischen Sado-Maso-Bestsellers „Fifty Shades of Grey“ nebeneinander auf; im zweiten setzt er eine lebensgroße Anne-Frank-Wachspuppe mit Federhalter und Tagebuch in einen leeren Raum. Der Clou des „Fifty Shades Archive“ ist eine Nachbildung des Schundromans aus Blattgold, die Fujiwara wie eine Inkunabel hinter Glas stellt. Für die Anne-Frank-Installation dagegen hat er aus Stoffresten jenen blauen Zweiteiler nachgenäht, den die Popsängerin Beyoncé bei ihrem Besuch im Amsterdamer Frank-Haus 2017 trug und der, nachdem sie ihr Foto auf Instagram gepostet hatte, binnen fünfundvierzig Minuten weltweit ausverkauft war.

          Das alles ist reine Konzeptkunst, kühl kalkuliert und eiskalt serviert. Aber sie trifft. Sie haut uns unsere warenförmige Gedenkkultur ebenso wirksam um die Ohren wie unsere Gier auf Exzesse zwischen Buchdeckeln. Wenn es eine Entdeckung dieser Shortlist-Ausstellung gibt, ist es Simon Fujiwara.

          Am 12. September wird unter den vier Nominierten der Preisträger ermittelt. Dass sich ausgerechnet der einzige Mann unter ihnen gegen drei Frauen durchsetzt, erscheint genderperspektivisch unwahrscheinlich. Aber man hofft natürlich dennoch das Beste. Für die Kunst wie für das Reden über sie.

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