https://www.faz.net/-gqz-7k4y6

Nikolaus-Ausstellung : Gott des Volkes

Vom Schutzpatron der Soldaten wurde Nikolaus zum Heiligen für alle Fälle, wie das Recklinghausener Ikonenmuseum vorführt. Und armen Kindern brachte er tatsächlich heimlich Geschenke.

          2 Min.

          Ein Heiliger mag sich die Hochachtung der Nachwelt durch Glaubenstreue bis zum Märtyrertod erwerben, ihre treue Anhänglichkeit gewinnt er, wenn er einfachen Leuten praktisch hilft. Wie jener Nikolaus, der im vierten Jahrhundert Bischof von Myra war, der heutigen türkischen Küstenstadt Demre, der, biographisch erweitert um Episoden eines zweihundert Jahre jüngeren Nikolaus, des Abtes vom Sionkloster im heute ebenfalls zur Türkei gehörigen Pinara, im postchristlichen Westen als Weihnachtsmann ebenso unsterblich ist wie als Helfer in allen Notlagen im orthodoxen Osten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wobei der erste Phänotyp, aufgepumpt durch Freuden des Konsums und Coca-Cola, sich viel weiter vom Urbild wegentwickelte als der zweite. Daran erinnert die vor allem mit russischen Andachtsbildern bestückte Nikolaus-Ausstellung im Recklinghausener Ikonenmuseum, wo man den Wundertäter, der heute Nacht bei uns den Kindern Überraschungsgeschenke in die Schuhe schob, Menschen vor der scheinbar sicheren Katastrophe bewahren sieht.

          Sogar Kaiser hörten auf ihn

          Nikolaus wurde der russische Volksheilige, weil er nicht mit Gelehrsamkeit auftrumpft, sondern immer tatkräftig mit anpackt. Einer Legende zufolge begegnete Nikolaus, als er einmal zusammen mit dem heiligen Kassian auf Erden wandelte, einem Bauern, der verzweifelt versuchte, seinen Karren aus dem Schlamm zu zerren. Nikolaus zog kräftig mit, während Kassian pikiert abseits stand. Als Gott später davon erfuhr, belohnte er Nikolaus mit einem zweiten Gedenktag im Jahr (dem Tag der Überführung seiner Gebeine von Myra nach Bari am 9. Mai), während Kassian sich mit dem 29. Februar zufriedengeben muss, der nur alle vier Jahre gefeiert wird.

          Der historische Nikolaus, der Mitte des vierten Jahrhunderts an einem 6. Dezember entschlief, wurde berühmt, weil er unter Kaiser Konstantin drei zu Unrecht zum Tode verurteilte Feldherren, Nepotian, Urs und Herpylion, gerettet haben soll. Die drei waren bei ihrer Expedition durch Myra gekommen, wo sie Zeugen wurden, wie Nikolaus drei unschuldig zur Enthauptung verurteilte Bürger im letzten Moment rettete, indem er dem Henker das Schwert entriss. Nepotian, Urs und Herpylion beteten im Kerker zu Nikolaus, der alsbald Konstantin im Traum erschien und ihre Freilassung erwirkte. So wurde er zum Schutzpatron der Soldaten, der Häftlinge, aller Reisenden und falsch Verdächtigten.

          Gott ist tot, na und?

          Die schönsten Geschichten brachte jedoch der am 10. Dezember 564 gestorbene Namensvetter mit in die Vita, der schon als Säugling die Fasten eingehalten haben soll, indem er freitags und mittwochs nur einmal an der Mutterbrust sog. Als Bischof von Pinara tat Nikolaus sich als Bekämpfer heidnischer Kulte hervor. In Recklinghausen sieht man, wie er Dämonen aus Bäumen und Quellen vertreibt und Götterbilder zerschlägt, weshalb er auch Wälder und Brunnen beschützt. Seine anonyme Gabe an drei Schwestern, die ihr armer Vater auf den Strich schicken wollte, weil er für ihre Aussteuer nicht aufkommen konnte, wird in Dantes „Göttlicher Komödie“ erwähnt. Die russische Ikonenmalerei nimmt sich des Stoffes im neunzehnten Jahrhundert an, flankierend zeigt das Museum Nikolaus auf bäuerlichen Hinterglasikonen aus dem rumänischen Siebenbürgen, wo die Jungfrauen und ihr dankbarer Papa sein obligatorisches Gefolge bilden. Die vom Prostituiertenschicksal bedrohten Mädchen waren wohl die ersten Kinder, die der „Wundertäter“ heimlich beschenkte.

          Da auch Erwachsene gefährdet sind, wurde Nikolaus der Heilige für alle Fälle, der regelwidrig auf Ikonostasen vordrang, dessen Kleinikonen das Armaturenbrett russischer Autos schmücken und der in der „Volksdreifaltigkeit“ mit Christus und Maria auf einer Stufe steht. Die von Russland missionierten Tschuktschen und Jakuten nannten ihn gar „russischer Gott“. Was ein von der Folklore überlieferter Dialog zweier Bauern illustriert, von denen der eine fragt: „Was passiert, wenn Gott stirbt?“ Der andere antwortet: „Dann haben wir ja noch unseren Nikolaus.“

          Weitere Themen

          Stratege des visuellen Schocks

          Montagen von John Heartfield : Stratege des visuellen Schocks

          Anstatt durch die Räume der Berliner Akademie der Künste zu schlendern, können die Fans des Montagekünstlers John Heartfield sein Werk jetzt online betrachten. Und das kann auch Vorteile haben.

          Am Ende landen sie im Graben

          „Tatort“ aus Dresden : Am Ende landen sie im Graben

          Überhitztes Kammerspiel: Im Dresdner „Tatort“ wird eine Geiselnahme zur Geduldsprobe für die Polizei. Und alles nur, weil ein Familienvater das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren hat.

          Topmeldungen

          Mitglieder der chinesischen Führung verneigen sich am Samstag im Gedenken an die im Kampf gegen das Coronavirus Verstorbenen.

          Totengedenken in China : Die Ahnen per Livestream ehren

          Nach Wochen des Ausnahmezustands sehnen die Chinesen sich nach Normalität. Die Regierung lässt das aber nur streng dosiert zu – denn ihre Prioritäten sind andere: die Partei und die Wirtschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.