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Niederlande : Leer das Museum, voll der Tresor

  • -Aktualisiert am

Die Kunstsammlung ist verpfändet, weil den Mäzen die Finanzkrise traf. Dafür aber ist dessen neues Museum fast fertig, in dem die Sammlung eigentlich gezeigt werden sollte: eine niederländische Geschichte mit tieferer Bedeutung.

          Dänemarks Museen vermelden einen Besucheranstieg, den die Direktoren der Wirtschaftskrise zuschreiben. Wer um den Arbeitsplatz fürchtet, soll das wohl heißen, der entsinnt sich der nichtmateriellen Werte der Kunst. Statt einer Reise in die Karibik tut es dann plötzlich auch ein Beruhigungsbummel zu nahrhaften Stillleben oder ein wenig Meditation vor abstrakten Farbflächen.

          Das geht so lange gut, wie die Museen nicht selbst zum Opfer der Finanzkrise werden. So fuhr am Montagabend vor dem Scheringa-Museum im niederländischen Spanbroek ein Gerichtsvollzieher samt vier Lastwagen vor, um die Sammlung von fünfzehnhundert Bildern zu beschlagnahmen. Ein paar Stunden vorher war die DSB-Bank des Kunstmäzens Dirk Scheringa bankrottgegangen, und sogleich war die Konkurrenz – in diesem Fall die ABN Amro-Bank – zur Stelle, um sich aus den Wertbeständen zu bedienen.

          Sinnfällige Installation

          Seither sind die Wände kahl, wohingegen sich die weltweit größte und qualitätvollste Sammlung modern-realistischer Malerei – Schätzwert vierzig Millionen Euro – dort befindet, wo sie nach ökonomischer Vernunft auch hingehört: im Tresor. Museumsdirektor Uitdenbogaard verkündete stoisch, immerhin bleibe die Sonderschau des Malers Jan van Tongeren weiter geöffnet. Fraglich, ob nun das Publikum wirklich zu dessen Gemälden pilgert – oder nicht doch die kahlen Wände des Scheringa-Museums als erste Komplettinstallation der Finanzkrise bestaunt.

          Besondere Pointe dieses aktuellen Falls von Beutekunst: Scheringa überließ der Konkurrenz die eigene Sammlung als Pfand, damit er trotz Krise noch genug Geld zusammenkratzen konnte, um im Nachbardorf Opmeer ein nagelneues Museum zu bauen. Das ist nun zwar fast fertig, die Sammlung aber futsch – ein wunderschönes Beispiel kreditärer Logik.

          Realismus gefragt?

          Mit Scheringas Imperium gehen übrigens auch dreißig Betriebe, darunter Internetfirmen, Versicherungen, ein Weltklasse-Eislaufteam sowie die Meistermannschaft des Fußballclubs AZ Alkmaar samt Stadion über Bord. Hollands Kulturminister Plasterk betrauerte bereits die schöne Realistensammlung, die nun in alle Welt zerstreut zu werden droht.

          Vielleicht gebe es im Land ja doch noch Menschen mit Geld, die sich dafür erwärmen könnten. In der Tat sind die Gewinnperspektiven rosig; Museumsbesuch hat, wie gesagt, wieder Konjunktur. Und wer hätte in diesen nüchternen Tagen etwas gegen eine hohe Dosis Realismus einzuwenden?

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