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Spektakuläre Neuzuschreibung : Zwei Fäuste für Michelangelo

  • -Aktualisiert am

Zwei Renaissance-Bronzen sorgen in Cambrige für Furore: Die beiden auf Panthern reitenden nackten Männer sind eine sensationelle Entdeckung und könnten für eine neue Auslegung des Werks Michelangelos sorgen.

          Eine detektivische Spurensuche hat in der Michelangelo-Forschung das fehlende Bindeglied für eine Zuschreibung aufgetan, die, wenn die Argumente den Segen der Fachwelt finden, sich nicht anders als eine Sensation bezeichnen lässt: nämlich die Entdeckung der einzigen überlieferten Bronzewerke des Renaissance-Künstlers.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Es handelt sich um zwei dynamische nackte Männer, wahrscheinlich Bacchanten, der eine jung und bartlos, der andere älter und bärtig, die jeweils mit einer erhobenen Hand auf bedrohlich knurrenden Panthern reiten. Die unsignierten Figuren, die 2002 bei Sotheby’s einem britischen Sammler für 1,65 Millionen Pfund zugeschlagen wurden, sind der Kunstgeschichte seit 1878 bekannt, als sie in der Pariser Weltausstellung als Werke Michelangelos ausgestellt wurden. Diese Zuschreibung wurde jedoch von dem prominenten Kritiker und Sammler Eugène Piot möglicherweise aus Neid als „ziemlich grober Fehler“ verworfen. Stattdessen nannte er den venezianischen Manieristen Tiziano Aspetti als möglichen Urheber und führte die Kunstgeschichte auf einen Irrweg, den Paul Joannides, der renommierte Michelangelo-Forscher und emeritierte Professor der Kunstgeschichte in Cambridge, und seine ehemalige Doktorandin Victoria Avery, Leiterin der Abteilung Angewandte Kunst an dem zur Universität von Cambridge gehörenden Fitzwilliam-Museum, jetzt unter Heranziehung zahlreicher Kenner aus der internationalen Fachwelt nach fast 140 Jahren korrigiert zu haben glauben.

          Wie sie am Montag in Cambridge darlegten, lieferte eine flüchtige Skizze auf der Zeichnung eines Michelangelo-Schülers, der sich im Kopieren von Kompositionen des Meisters übte, das entscheidende Beweisstück für ihre forensische Untersuchung. Auf diesem Blatt aus dem Musée Fabre in Montpellier ist der Umriss eines Jünglings zu sehen, der mit einer ähnlichen Drehbewegung des Körpers auf einem Panther reitet. Verwandte Zeichnungen in anderen Museen, die mit eigenhändigen Werken Michelangelos verglichen worden sind, belegen, dass der Schüler Motive seines Lehrers originalgetreu abgebildet hat. Daraus schließen Paul Joannides und Victoria Avery, dass Michelangelo sich in der vom Schüler abgezeichneten Studie an eine Lösung für eine dreidimensionale bacchantische Darstellung herangetastet hat. Dafür spreche die „aggressive Plastizität“ der Skizze, deren harte Konturen zudem die charakteristischen Züge von Michelangelos Zeichenweise bei der Ausarbeitung von skulpturalen Ideen trügen. Die beiden Kunsthistoriker führen andere Beispiele an, um nachzuweisen, dass Michelangelo ein besonderes Interesse an der Darstellung von muskulösen Männern auf phantastischen Panthern hegte.

          Auch Wilhelm von Bode war beeindruckt

          Stilistische Ähnlichkeiten unter anderem mit der Skulptur des David, mit den heroischen Aktfiguren in den Entwürfen für das nie ausgeführte Fresko der Schlacht von Casina sowie mit den athletischen Ignudi auf dem Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle sprächen für eine Datierung zwischen 1500 und 1510. Ihre Schlussfolgerungen werden unterstützt durch technische Untersuchungen der Bronzen, deren Gussmängel im Einklang stehen mit den Praktiken dieser Zeit, und durch die Expertise eines Anatomikers, der unter anderem auf den von Michelangelo bevorzugten, nach innen gekehrten Nabel hinweist.

          Als das beinahe spiegelverkehrt konzipierte Bronze-Paar in Paris ausgestellt wurde, war es im Besitz von Adolphe de Rothschild, einem Enkel des Gründers der Bankiersdynastie. Adolphes Vater hat den neapolitanischen Zweig des Unternehmens aufgebaut. Der Sohn stand dem von Garibaldi gestürzten Bourbonen-König Franz II. nahe. Womöglich musste dieser die eventuell aus dem Nachlass der Farnese oder der Medici zum Haus Bourbon-Sizilien gelangten Kunstwerke als Ausgleich für nicht abgegoltene Schulden seinen Kreditgebern überlassen.

          An der außergewöhnlichen Qualität der sogenannten Rothschild-Bronzen, die bis 1957 im Besitz der Familie blieben, ist nie gezweifelt worden. Sie beeindruckte auch von Wilhelm von Bode, der allerdings - vermutlich anhand einer Fotografie - in seinem großen Werk über die italienischen Bronzestatuetten der Renaissance für eine Zuschreibung an Iacopo Sansovino plädierte.

          Jede neue Michelangelo-Entdeckung elektrisiert die Kunstwelt. In diesem Fall ist die Aufregung umso größer, da keines der wenigen bekannten Bronzewerke des Künstlers überlebt hat. Die Rothschild-Bronzen sind bis 9. August im Fitzwilliam-Museum ausgestellt. Am 6. Juli werden sie bei einer internationalen Tagung in Cambridge dem prüfenden Blick der Fachwelt ausgesetzt sein.

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