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Neuroästhetik : Ich messe das, was du nicht siehst

Naturwissenschaftler wollen herausfinden, was Schönheit ist. Museen schließen Besucher an Geräte an. Was steckt hinter der neuen Verbindung von Kunst und Hirnforschung und der wiedererwachten Suche nach universellen ästhetischen Maßstäben?

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          Wer in den vergangenen Monaten das Kunstmuseum von Sankt Gallen betrat, bekam dort am Eingang einen Handschuh angeboten: Mit ihm könne er an einem Experiment des Wahrnehmungsforschers Martin Tröndle vom Institut für Kunstforschung der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel teilnehmen. Der Datenhandschuh, erklärt Tröndle, messe „Herzrate und Handleitwert“, wobei letzterer „eher für die emotionale, die Herzrate für die kognitive Erregbarkeit“ stehe. Aufgezeichnet wurde, wenn jemand vor einem Bild ins Schwitzen oder Grübeln geriet, wie lang er verharrte, am Ende wurden die Daten ausgewertet und ein spezialisiertes Fragenprogramm entwickelt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Erhebungen von 600 Kunstbetrachtungen sind abgeschlossen, genauere Ergebnisse will Tröndle noch nicht veröffentlichen – bislang scheint es aber, als hätte man das, was mit der aufwändigen Apparatur ermittelt wurde, auch fast ahnen können: Hängung, Beschriftung und Kontext ändern viel; Werke, die von der Fachwelt nicht als bedeutend eingestuft werden, können sehr wohl starke Emotionen auslösen, diese sind von Bildungsstand und akuter Gemütslage der Probanden abhängig. Bei einer älteren Dame, so Tröndle, ließen bei Werken nach 1945 erst die emotionalen Reaktionen, dann auch die kognitiven nach.

          Bescheidene Beweisführung

          Die Versuche scheinen eher zu bestätigen, dass bei der Frage, welches Werk uns berührt, persönliche Erfahrungen ebenso wie kulturelle Verabredungen ausschlaggebend sind: Ein neuroästhetischer Beweis, dass ein Gemälde von Monet allen Betrachtern als wichtig und berührend erscheinen muss, wurde offenbar nicht geliefert – im Gegenteil. Ob einer ein rotes Gemälde von Mark Rothko als berührend empfindet, hat unter Umständen mehr damit zu tun, dass seine Kinderzimmerwand die gleiche Farbe hatte, als mit einer verallgemeinerbaren Wirkung von Form und Farbe – und wenn man die Website zu Tröndles Projekt liest, dann wirkt es auch eher, als ginge es ihm nicht um allgemeine Hypothesen zur Wirkung von Kunst auf „den“ Menschen, sondern um bescheidene individuelle Aufklärung, darum, die „Aufmerksamkeit gegenüber ihrem eigenen Erleben“ zu schärfen.

          Nicht alle sind so vorsichtig wie Tröndle. Im Zuge der Neurowissenschaften erlebt ein seltsamer Essentialismus seine Renaissance – und mit ihm eine eher düstere Prädeterminationsästhetik. Begriffe wie „ideale Schönheit“ tauchen wieder auf, dazu der Glaube, man könne zu einem Wesenskern „großer“ Kunst vorstoßen, der für alle Betrachter, gleich welcher Zeit oder welcher Herkunft, Bedeutung habe. Gesucht wird im Kunstwerk ein Spiegel der Natur des Menschen: Dennis Dutton, Autor des Buchs „The Art Instinct“, erklärt, wenn „diese Natur nicht überindividuell und überzeitlich konstant wäre, würden wir nicht die gleichen Werke wie die Alten schätzen“. Man fühlt sich in die fünfziger Jahre zurückversetzt, in denen Kunst- und Architekturtheoretiker wie Siegfried Giedion zeitgenössische Kunst als Antwort auf die „Urphänomene des menschlichen Wesens“ pries, nicht ohne festzustellen: „Wir fragen wieder nach den ewigen Zusammenhängen.“ Ein Teil der Neuroästhetik knüpft hier an und markiert die vielleicht wichtigste ideologische Bruchkante im aktuellen Diskurs darüber, was Kunst sei.

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