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Neues von Neo Rauch : Frohe Botschaft in Paris

Es muss nicht immer Leipzig sein: Neo Rauch zeigt in der prächtigen Pariser Residenz des deutschen Botschafters drei Bilder und besucht begeistert zum zweiten Mal in seinem Leben den Louvre.

          Neo Rauch steht in Flammen. Im Treppenhaus der Residenz des deutschen Botschafters in Paris prunkt ein riesiger Weihnachtsbaum, und irgendwer ist auf den Gedanken kommen, das unglückliche Gewächs und damit auch alle Anwesenden dieses Empfangs in pinkvioletten Schein zu tauchen. Das ist eine Farbe, die in dieser Intensität vor Erfindung des elektrischen Lichts - in einer diesbezüglich segensreichen Epoche - gar nicht denkbar gewesen wäre, und also hat sie hier im Palais Beauharnais auch nichts zu suchen. Denn dieser Palast ist der letzte in ganz Paris, der noch über eine vollständige Einrichtung aus dem Empire, der Kaiserzeit Napoleon Bonapartes, verfügt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Eugène de Beauharnais, der Stiefsohn Napoleons und Vizekönig des von Frankreich eroberten Italiens, hatte sich das 1714 am linken Ufer der Seine errichtete Anwesen 1803 zu seinem Wohnsitz in der Hauptstadt erkoren und sofort alles im Geschmack von Stiefpapa umbauen lassen. Kosten spielten damals keine Rolle. 1818, drei Jahre nach dem endgültigen Sturz Napoleons, war das anders: Preußen kaufte das Palais Beauharnais dem mittlerweile im bayerischen Exil sitzenden Eugène ab. Und weil das Gebäude die sparsamen neuen Eigentümer teuer genug kam, verzichteten sie auf einen Umbau. So kam das stilgeschichtliche Unikum nahezu unverändert bis auf uns.

          Der perfekte Platz für Neo Rauch

          Was aber tut Neo Rauch hier mitten in all den römischen und altägyptischen Formen des Empire? Er sorgt nun doch für Umgestaltung, zumindest für die Dauer eines Jahres. Im Vestibül der Beletage hängen als Leihgaben drei Bilder des Leipziger Malers. Zwei schmale Hochformate, „Die Wächterin“ und „Der Sänger“ betitelt, hatten schon auf der spektakulären Leipziger und Münchner Doppelausstellung zu Rauchs fünfzigstem Geburtstag in diesem Sommer begeistert. Nun füllen die beiden Werke zwei Wandpaneele neben dem Eingang in die repräsentativen Säle derart perfekt, als wären sie speziell für diese Plätze gemalt worden.

          Das aber trifft nur für die dritte Leihgabe zu: Rauchs jüngstes Werk „Der Geborgene“, fast zwei Meter breit und drei Meter hoch, das als Solitär eine eigene Wand einnimmt, genau gegenüber dem historischen Porträt von Friedrich-Wilhelm III., der das Palais für Preußen kaufen ließ. Man mag kaum glauben, dass Rauch zuvor noch nie die Residenz besucht hatte, so exakt passt sich das neue Bild in die Raumsituation ein, dominiert sie, ohne aufzutrumpfen. Gerd Harry Lybke, Rauchs Galerist, hat ganze Vorarbeit geleistet: Er war es, der vor Monaten das Palais besichtigt und fotografiert hat, um dem am liebsten im heimischen Leipzig weilenden Künstler alle notwendigen Informationen zur Komposition des Gemäldes zu verschaffen.

          Erst das Protokoll, dann die Kunst

          Weil Rauch so wenig Freude am Reisen hat, ist es auch erst sein zweiter Parisbesuch. Nur 2002 waren er und seine Frau, die Malerin Rosa Loy, schon einmal in der Stadt, als im Centre Pompidou die Ausstellung „Cher peintre“ gezeigt wurde, in der siebzehn internationale Künstler, darunter Rauch, zeitgenössische Formen des Porträts vorstellten. Nun kehrt er für drei Tage zurück, und zum Höhepunkt dieses Aufenthalts, dem Empfang zu seinen Ehren im Palais Beauharnais, ist neben Kunstfreunden aus ganz Deutschland und Frankreich auch der deutsche Außenminister Guido Westerwelle nach Paris gekommen. Mit dem früheren französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing und dem ehemaligen Kulturminister Jacques Lang kann er auch höchst prominente einheimische Gäste begrüßen.

          Immerhin aber verhindert Giscards Anwesenheit zunächst Neo Rauchs und Rosa Loys Besichtigung des prachtvollen historischen Schlafgemachs, wo im Spiegel des gut fünf Meter hohen Prunkbetts noch der Sprung erhalten ist, den eine aufs Palais abgefeuerte Kugel während der Zeit der Pariser Kommune 1871 hinterließ. Denn Westerwelle begrüßt den französischen Ehrengast vor dem Empfang just dort, und so muss sich das Malerpaar bis nach den Reden gedulden, um sich dann mit einer großen Besucherschar ins Allerheiligste des Beauharnais-Mythos zu begeben.

          Von Prinzessin und Direktor hofiert

          Geführt von einer persischen Prinzessin, die seit Jahrzehnten als guter kunsthistorischer Geist im Palais wirkt, wird eine Anekdote nach der anderen ausgebreitet. Und Neo Rauch, der im Sommer keinen Hehl daraus gemacht hatte, als wie irritierend er es empfand, fünfzig Jahre alt zu werden, entbrennt in Bewunderung für die alterslose Prinzessin: „Es kommt doch nur darauf an, dass die Frauen etwas auf sich halten. Das fehlt uns zu oft in Deutschland.“

          Auf sein eigenes Aussehen hält Rauch mit großer Strenge und Konsequenz. Selbst in der für Paris ungewöhnlichen Kälte ist er im halblangen eleganten Mantel und in schmalen Krokodillederschuhen unterwegs, als es in den Louvre geht. Dort wartet Henri Loyrette auf ihn, als Direktor des Louvre der mächtigste Museumsmann in Frankreich.

          Rauch verliert sich im Louvre

          Sein Büro ist die perfekte Ergänzung zum Palais Beauharnais; denn hier ist alles im Stil des Zweiten Kaiserreichs ausgestattet: 1866 wurde dieser Teil des Komplexes zum Dienstsitz des Generaldirektors aller französischen Museen (dieses Amt war damals identisch mit dem des Louvre-Direktors) umgebaut, und das Einzige, was seitdem neu hineinkam, ist Loyrettes Schreibtisch.

          Der Chef führt Rosa Loy und Neo Rauch in sein Haus, zu den Deckengemälden moderner Künstler, die - anknüpfend an Delacroix' 1850 durchgeführte Deckengestaltung der barocken Galerie d'Apollon - mit einer Arbeit von Georges Braque 1953 ihren Fortgang nahmen und in diesem Jahr mit Cy Twomblys Ausmalung der Salle des Bronzes ihre bislang jüngste Fortsetzung fanden. Noch sind Decken frei.

          Neo Rauch wird diesen ganzen Tag im Louvre verbringen. Schon vor „Die Freiheit führt das Volk“ von Delacroix geht er der Gruppe das erste Mal verloren, später ist er gar nicht mehr für anderes zu gewinnen als für die Kunst. Der Weg aus Leipzig nach Paris hat sich gelohnt. Die französische Zukunft für den Maler scheint in rosigstes Licht getaucht.

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