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Neues Museum Berlin : Die Schrift an der Wand

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Berlins Neues Museum, Kern der Welterbestätte Museumsinsel, war fünfzig Jahre lang eine Ruine. David Chipperfield ist das Wunder gelungen, es als fesselnde Collage aus Alt und Neu zu restaurieren.

          Berlins Neues Museum ist wieder aufgebaut und wird kommenden Mittwoch seinen Kustoden übergeben. Wieder aufgebaut? Es ist aus fünfzig Jahren Ruinendasein auferstanden wie Lazarus. „Herr, er stinkt, denn er liegt schon seit vier Tagen“, lässt die Bibel die Schwester des Toten seinen Erwecker Jesus warnen. Wer vor Beginn der Bauarbeiten den zerschlagenen Bau Friedrich August Stülers am Berliner Kupfergraben sah, hätte mit derselben Drastik dem Architekten David Chipperfield abraten können. Beinahe wäre es so gekommen. Denn 1997 favorisierte man Frank Gehry, der einen exzentrischen Neubau in den skelettierten Resten vorgeschlagen hatte.

          Auferstehung aber war schon 1843 ein Leitmotiv dieses Bauwerks, das nach Schinkels 1830 eröffnetem Alten Museum die eigentliche Museumsinsel begründete. Zu seinen wichtigsten Dekorationen zählte nämlich ein Relieffries Hermann Schievelbeins, der im „Griechischen Hof“ Pompeji zeigte, beginnend mit dem todbringenden Bombardement des zornigen Vulcanus, endend mit dem Erwecker Stüler, der den wiederbelebten Opfern und ihrer Kultur aus der Tiefe in die Gegenwart hilft. Dies war der selbstbezügliche dramatische Höhepunkt einer Baukunst, die das Neue Museum als Gleichnis der Hegelschen Philosophie über die Entwicklung der Menschheit bot.

          Der strahlende Mittelpunkt

          Analog zu Hegel präsentierte der Bau eine Stufenfolge, die von der altägyptischen über die griechisch und römisch antike Kunst via Renaissance in die Gegenwart führte, durchkreuzt und bereichert von Vaterländischem, das germanische und mittelalterliche deutsche Kunst einbezog. Strahlender Mittelpunkt all dessen war das berühmte Treppenhaus, inspiriert von Schinkels Entwurf für eine neue Residenz auf der Akropolis. Wie beim Vorbild krönte eine Kopie der Korenhalle des Erechtheions die monumentalen Stufenfolgen, hinterfangen von vier ionischen Kolossalsäulen und in schwindelnder Höhe überspannt von einem offenen Dachstuhl.

          Nur dieser ließ die Magie frühchristlicher Basiliken anklingen, alles Übrige setzte auf weltliche Kultur, so wie das Erechtheion zwar Tempel, vor allem aber auch verklärtes Abbild des Wohnsitzes der mythischen kulturbringenden ersten Könige Athens gewesen war. Deshalb gestaltete Stüler auch das Äußere des Neuen Museums als Vierflügelbau mit Zitaten der Erechtheion-Fassade, den er allerdings mit zwei überkuppelten, am Oberrand von Statuen geschmückten Risaliten sowie zwei Lichthöfen um Motive der italienischen Hochrenaissance bereicherte. An diesen Fassaden kann der Besucher das Schicksal des Museums ablesen, noch ehe er es betreten hat: Chipperfield hat den zerstörten nördlichen Kuppeltrakt außen exakt nachmauern lassen. Sein Material sind historische Ziegel aus Abbruchbauten, die dem ursprünglichen Bestand entsprechen. Doch sie sind nicht, wie bei Stüler, mit Feinputz und Quaderritzungen überzogen. Stattdessen tragen sie eine Schlämme, die wie ein zarter Schleier über den Ziegeln liegt. Farblich identisch mit dem lichten Ocker der historischen Teile, lassen sie den Bau zunächst unversehrt erscheinen, während sie bei genauem Betrachten die Kriegsnarben zu erkennen geben, als deren eindringlichste man zuletzt die Götterstatuen bemerkt, die Chipperfield im versehrten Zustand wieder an die alten Standorte zurückbrachte.

          Atemberaubende neue Treppe

          Die neue Treppenhalle ist weniger schonungsvoll. Hier, wo erst Bomben, dann Wind und Wetter und zuletzt die brachialen Stabilisierungsversuche der DDR nur wirre Ziegelbrocken zurückließen, hat Chipperfield eine atemberaubende neue Treppe geschaffen, die dekorlos, aber in kostbaren Materialien und wie einst unter einem offenen Dachstuhl die historischen Konturen nachzeichnet. Zwei Putzfragmente sind alles, was von Werner von Kaulbachs Fresken blieb, die mit dem Fall des Turms zu Babel, der Zerstörung Jerusalems durch Titus, konfrontiert mit dem Triumph des Mittelalters und der Reformation das Auf und Ab der Geschichte als Aufstieg in ein ideales Heute beschworen.

          Besonders über diese grandiose neue Schöpfung haben Anhänger lückenloser Rekonstruktion gegiftet und gegeifert, sie bezichtigten den Architekten der Verstümmelung und Entstellung. Wer hier hinaufsteigt und dann die Raumfolgen durchstreift, lernt gänzlich anderes kennen: Ein Sisyphos aller Beteiligten, vor allem aber seines eigenen anspruchsvollen Konzepts, hat der Architekt von Saal zu Saal, von erhaltenen Details der Mosaikböden und Wandgemälde bis zu Stuckfragmenten und Deckengewölben zwischen Konservierung, Nachschöpfung und Neuem entschieden. Im Ägyptentrakt zum Beispiel, der nun die angestammten Exponate zurückerhalten wird, sind Teile der ägyptisierenden Ausmalung konserviert und in Fehlstellen behutsam retuschiert worden.

          Die Suggestion der Dekoration

          Der „Vaterländische Saal“, wo Wotan und die Seinen im Stil Blakes und Füßlis als Zwitter aus Jehova, Wotan und Zeus die Wände füllen, ist vorsichtig restauriert und ergänzt worden, und der „Niobidensaal“ wirkt wie gestern von Stüler vollendet. Wie jedes Exponat hier wird es Nofretete im nördlichen Kuppelsaal, der für sie reserviert ist, schwer haben, gegen die Suggestion der selbst noch im nachgebesserten Fragment prachtvollen Dekorationen anzukommen. Smaragdgrüne Wände und herrliche Bodenmosaike triumphieren, trotz klaffender Fehlstellen, im „Römischen Saal“, im „Neuen Saal“ erzeugt die Anmut der rötlichen Marmorsäulen Gänsehaut vor Bewunderung, im „Sternensaal“ ist es das feinziselierte gotische Gewölbe, im „Mittelalterlichen Saal“ die Fülle der fast mauresk anmutenden Halbkuppeln. Und doch, auch wenn es manchem wie eine déformation professionelle erscheinen wird - die Räume, die David Chipperfield und sein Team (vor allem im zweiten Obergeschoss) mangels erhaltener Originalsubstanz völlig neu konstruierten, halten sämtlich (und trotz einiger weniger zu grobschlächtiger Deckenkonstrukte) Stülers einzigartigen Raumkreationen stand.

          Manche lassen sogar als Zuflucht vor dem allgegenwärtigen historischen Bildungsehrgeiz aufatmen. Da ist beispielsweise der neue „Ägyptische Hof“ mit seinen delikaten himmelhohen Ziegelwänden und Pfeilern, federnd und grazil trotz ihrer Riesendimensionen. Der „Griechische Hof“ umgibt den ramponierten Pompejifries mit distinkter Moderne, der dekorlos nachgemauerte südliche Kuppelsaal überwältigt mit einer zeitgenössischen Wucht, die spätrömisches Zyklopentum evoziert. Ein Saal im Obergeschoss besticht mit Stützen, die, sich von oben nach unten rasant verjüngend, an die fünfziger Jahre erinnern, aber hier, aktualisiert, die verschwundenen schwerelosen Rundpfeiler Stülers angemessen ersetzen.

          Chipperfield hat in elfjähriger nervenzermürbender Detailarbeit unverkennbar Neues geschaffen, das dennoch Stülers Geist atmet. Er sei „wie ein Maler vorgegangen“, der jeden Farbtupfer sorgfältig bedenkt, sagt der Architekt. Auch darin seinem Vorgänger gleichend, schuf er damit ein grandioses Baukunstwerk. Es ist gleich weit entfernt vom Martin Gropius-Bau, der 1983 entgegen ursprünglichen Plänen seine Auferstehung als Kopie wilhelminischer Opulenz erlebte, wie vom Reichstag, wo Norman Foster Hightech gegen rudimentierte Historie setzte. Das Neue Museum dagegen vermittelt gleitend und diskret zwischen den Zeiten. Die Fratze des Sterbens, die Demaskierung der Kriegsfurie hat uns Andreas Schlüter mit den Steinmasken der „Sterbenden Krieger“ im nahen barocken Zeughaus geschenkt. Chipperfields Bau ist dagegen der verhüllte Lazarus, der seine Invalidität nicht leugnet, aber mit durchscheinenden Tüchern mildert. Wer Augen hat zu sehen, erkennt sie. So kann Berlin und Deutschland seinen Frieden mit sich und der jüngeren Vergangenheit machen. „Nichts Staunlicheres als der Mensch“, steht im Niobidensaal zu lesen. Keine Zeit löscht diese Schrift.

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