https://www.faz.net/-gqz-9b0an

Römermuseum in Nîmes : Begegnung mit den Urahnen im Fackelschein

Wie die Leichtigkeit einer römischen Toga: Blick aus dem von Elizabeth de Portzamparc entworfenen Museum auf das Amphitheater von Nîmes. Bild: Musée de la Romanité

In der nächtlichen Nekropole: Das neu eröffnete Musée de la Romanité in Nîmes zeigt, warum es sich lohnt, die Kultur Europas lebendig zu halten.

          Archäologiemuseen können selbst für Liebhaber der Antike ermüdend sein. Oft reihen sich Legionen von tönernen Öllämpchen, rotglasierter Terra sigillata und verrosteter Kurzschwerter in schlecht beleuchteten Vitrinen hintereinander. Anders das vergangenes Wochenende eröffnete Musée de la Romanité in Nîmes: Fünftausend Architekturteile, Skulpturen, Mosaike, teils vollständig erhaltene Wandfresken und Objekte des Alltags aus zweieinhalb Jahrtausenden werden in den drei großen Themenwelten Frühgeschichte, Gallorömische Epoche und Mittelalter präsentiert. Die ausgestellten Stücke sind derart singulär und von so hoher Qualität, dass man kaum etwas Vergleichbares in einem anderen Haus sehen wird.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Objekte stehen auf drei kunstvoll ineinander verzahnten Museumsgeschossen, die nach außen mit 50.000 milchig weißen Glaspanelen verkleidet sind. Sie sollen dem Gebäude seiner Architektin Elizabeth de Portzamparc zufolge die Leichtigkeit einer römischen Toga verleihen. In Nîmes funktioniert die derzeit bis zum Überdruss verwendete Textilmetapher tatsächlich, ohne kitschig zu wirken. Fällt das Sonnenlicht in einem bestimmten Winkel durch die diaphanen Glasplättchen an der Gebäudeecke, wird sogar der tragende Stahlskelettkörper des Baus darunter kurz sichtbar. Mit den bewegten Faltenbahnen wirkt es, als würde das ganze Haus einen Schleiertanz aufführen, was sich im Innern mit der furiosen Doppelhelix-Treppe à la Guggenheim noch verstärkt. Auch lassen die „Falten“ immer wieder Durchblicke nach innen zu, da manche der Faltentäler verglast sind.

          Günstiger als geplant

          Obwohl diese Fensterzonen sparsam eingesetzt sind, bieten sie jeweils spektakuläre Ausblicke in den archäologischen Garten hinter dem Museum, vor allem aber auf das gegenüberliegende Amphitheater, eines der größten nach Rom, vollständig erhalten und noch stets für Großveranstaltungen von Stierkämpfen bis Rammstein-Konzerten genutzt. Nicht nur für Kinder sind an diesen archäologischen Fenster-Promenaden digitale Metallrahmen aufgestellt, die bei gradweiser Verstellung den Zustand beispielsweise der Amphitheaters um 1100, 1400 oder 1800 als Bild einblenden. Diese drei Jahrhundertschwellen markieren Zeitwenden für die Kolosseumskopie wie auch für Nîmes: Um 1100 kommt es zur ersten nach-antiken Blütezeit der reicher werdenden Tuch- und Handelsstadt, um 1400 wohnen nicht weniger als siebenhundert Einwohner im schützenden Rund der Arena mit eigener Burg und Kirche sowie der ersten Reihenhaussiedlung der Welt in den Kolonnaden; im Klassizismus kurz nach 1800 schließlich werden die Einbauten beseitigt und der antike Zustand wiederhergestellt.

          Überhaupt zeigt sich an solch sorgfältig gestalteten Details wie diesen Aus- und Rückblicken, dass Architektin und Museumskuratorin über die Jahre hinweg eng kooperierten und den Bau von Beginn an gemeinsam mit seinen Objekten und dem Umfeld kontextualisierten. Und trotz seines stilvoll repräsentativen Gewands blieb der Bau mit 59,5 Millionen Euro eine halbe Million unter der veranschlagten Summe, was die protestantischen Stadtherren stolz mit Zaunpfahlwink in Richtung des in Bauzeit und Kosten gern barock ausschweifenden Paris betonen.

          Blick in die am 2. Juni eröffneten Museumsräume in Nîmes.

          Den eigentlichen Auftakt des Geschichtsparcours bietet die Gallorömische Abteilung: Die Prunkstücke sind hier drei spektakuläre behelmte Büsten von Keltenkriegern aus dem örtlich anstehenden Weißkalkstein, die alte Bekannte sind: Bei der Ausstellung zum keltischen Fürsten von Glauberg waren sie die südfranzösischen Abgesandten. Köpfe spielten eine zentrale Rolle in der keltischen Kultur. Schädelreste und Kiefer von auf der Gallierstadtmauer aufgespießten und angebundenen Gegnern sind ausgestellt, aber auch ein düster-erratischer Monumentalfries mit starrenden Steinköpfen in selten guter Erhaltung. Diese Köpfe, die den Feind abschrecken und das Böse durch ihren Blick abhalten sollten, bildeten die Hauptanregung für mittelalterliche Konsolköpfe, die ebenso aus der Fassade der Nîmeser Kathedrale wie auch aus den verschwenderisch erzählenden Kapitellen in den Mittelaltersälen des Museums ragen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Berlin im Juli 2017: Überschwemmung auf der Märkischen Allee nach einem Unwetter

          Schwierige Stadtplanung : Schwamm drunter!

          Starkregen und Hochwasser bringen Städte immer wieder an ihre Grenzen. Sie müssen sich anpassen – denn der Klimawandel dürfte das Problem noch verschärfen.
          Olaf Koch, 49, ist seit sieben Jahren Vorstandsvorsitzender des Handelskonzerns Metro.

          Metro-Chef Koch im Interview : Ist Ihr Job noch sicher?

          Metro-Chef Olaf Koch hat eine feindliche Übernahme durch den tschechischen Milliardär Křetínský abgewehrt, doch die Probleme bleiben. Wie geht es mit dem Handelskonzern und ihm selbst weiter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.