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1200 Jahre Hildesheim : Ein Museum im Namen der Rose

Hildesheim macht sich zum 1200. Geburtstag seines Bistums selbst das schönste Geschenk: Das neue Dommuseum bietet zu den grandiosen Objekten die richtige Architektur. So vereinen sich Moderne und Romantik.

          Blenden wir siebzig Jahre zurück. Da lag Hildesheim nach einem englisch-kanadischen Bomberangriff in Trümmern. Schlimmer noch, wie der dort ansässige Prälat Stolte an einen auswärtigen Freund schrieb: „Es müßte aber heißen, daß Hildesheim vernichtet ist. Von dem alten Hildesheim steht nichts mehr.“ Das traf im Gegensatz zu Köln, Aachen, Freiburg oder selbst Frankfurt am Main auch auf das bedeutendste Gebäude der Stadt zu, seinen Dom: „Dom und Domkuriengebäude sind ein Trümmerhaufen. Das alles ist das Werk von 22 Minuten am 22. März 1945.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die Wunde zu schließen war ein Werk von Jahrzehnten, bis heute. Aber schon 1985 wurde der Dom als Unesco-Weltkulturerbe eingetragen, zusammen mit der nahe gelegenen, im Krieg kaum weniger zerstörten Kirche St. Michaelis. Wie konnte das sein, wo doch angeblich 1945 nichts mehr stehen geblieben war? Nun, Reste gab es, die jeweils neunhundert Jahre alten Kirchen waren nicht restlos zerbombt. Die Ruinen konnten gesichert werden, in den fünfziger Jahren begann dann der Wiederaufbau, äußerlich getreu nach dem alten Aussehen, ja, bei der Michaeliskirche sogar unter Rückgriff auf die Gestalt des romanischen Ursprungsbaus. Und fast alles, was die beiden Kirchen an bedeutenden Kunstwerken boten, war im Krieg ausgelagert worden, darunter die bemalte Holzdecke des frühen dreizehnten Jahrhunderts aus St. Michaelis und die 1015 gegossenen Bronzerelieftüren des Doms sowie dessen zwei Radleuchter, die ebenfalls aus dem elften Jahrhundert stammen.

          Der Reiz der blumigen Legende

          Doch vor allem sind beide Kirchenschätze erhalten geblieben, und es ist deren einmalige Kollektion romanischer Sakralkunst, die in Hildesheim ungeachtet aller rekonstruierten Architektur ein originäres Zeugnis jener Zeit ablegt, als das deutsche Kaiserreich Europa dominierte und das Bistum Hildesheim eines seiner wichtigsten Machtzentren war. Weltkulturerbe fürwahr.

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          In diesem Jahr feiert Hildesheim seinen 1200. Geburtstag. Oder genauer gesagt: 1200 Jahre Bistumsgeschichte. Der Legende nach hatte Ludwig der Fromme hier im frisch christianisierten Sachsen ein neues Bistum gegründet, weil Gott ihm ein Zeichen gesandt hatte: Ein Marienreliquiar, das der Kaiser bei einem improvisierten Gottesdienst vergessen hatte, fand er wenig später unlösbar in einen Rosenstrauch eingewachsen, also errichtete er an diesem Platz eine Kirche. Beide Objekte dieser Legende sind in Hildesheim zu sehen: das silberne Reliquiar, bei dem tatsächlich alles für eine Herkunft vom Hofe Karls des Großen, des Vaters Ludwigs, spricht, in der Krypta des Doms, der Rosenstrauch draußen im Garten des Kreuzgangs an der Apsis. Bei ihm allerdings haben die jüngsten archäologischen Forschungsbefunde bestätigt, was die Biologen schon zuvor festgestellt hatten: Älter als siebenhundert Jahre ist er nicht, denn davor war sein heutiger Standort bebaut. Den Reiz der blumigen Legende mindert das nicht, zumal der Rosenstock immerhin den Zweiten Weltkrieg überstanden hat, als die Apsis auf ihn gestürzt war.

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