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Hunderttausende neue Wohnungen : Wie wir leben werden

Nicht nur für Flüchtlinge müssen Hunderttausende von Wohnungen gebaut werden – was die Städte verändern wird. Wie werden die neuen Häuser, die neuen Familien, die neue Gesellschaft aussehen?

          6 Min.

          Vor einiger Zeit schlugen die Berliner Architekten Augustin und Frank vor, ein Parkhaus zu einem Wohnhaus umzubauen. Der Entwurf wurde prämiert und in der Ausstellung „Urban Living“ gezeigt, die zeigen sollte, wie man mitten in der Stadt billige neue Wohnungen schaffen kann und wie man, statt erst das Parkhaus mit enormem Aufwand abzureißen und dann mit enormem Aufwand an derselben Stelle ein neues Haus zu errichten, das Ganze kostensparender und ökologischer tun könnte und dann noch Geld und Platz für große Dachgärten haben würde. Betonung auf „würde“.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn das war alles sehr schön und klug, und trotzdem wurde es natürlich nicht gemacht, stattdessen stampften die Wohnungsbaugesellschaften einen normalen Wohnriegel nach dem anderen an die Ränder der Stadt, um das politische Plansoll von sechstausend neuen Wohnungen pro Jahr zu erfüllen für die Stadt Berlin, die, Stand letztes Jahr, um etwa vierzigtausend Einwohner jährlich wuchs.

          Jetzt gibt es andere Zahlen, und die Idee, Parkhäuser, Behörden und Flughäfen zu Wohnungen umzubauen, klingt nicht mehr utopisch, sondern unausweichlich: Allein Berlin soll kurzfristig dreißigtausend Flüchtlinge unterbringen. Es gibt kaum noch Container auf dem Markt, sogar der leerstehende Flughafen Tempelhof soll für die Erstunterbringung umgebaut werden, es werden „Modulare Bauten“ bestellt, die man schnell aufstellen kann, um die Flüchtlinge durch den Winter zu bringen, und es ist nicht zu erwarten, dass der Zustrom zum Jahreswechsel abreißt:Im nächsten Jahr könnten, nach Aussagen von Mitarbeitern der Berliner Verwaltung gegenüber dieser Zeitung, fünfzigtausend oder noch viel mehr Flüchtlinge allein nach Berlin kommen – aus dem Zuzug von vierzigtausend werden so bald hunderttausend, die alle werden wohnen müssen; in anderen deutschen Städten sind die Zahlen ähnlich.

          Lösungen für die Wohnungsfrage

          Das bedeutet ein paar Millionen neue Mitbewohner in den kommenden Jahren, und das bedeutet auch: Parkhäuser, Kasernen, Fabriken, Behörden – alles wird, muss umgebaut werden, und ein paar Neubauten werden auch dazu kommen müssen.

          Aber wie? Und für wen genau?

          Schon vor der Ankunft der Flüchtlinge wurde darüber nachgedacht. Schon vor der Flüchtlingskrise hatte der Staat, nach langer Abstinenz im sozialen Wohnungsbau und Jahren der Privatisierung der Innenstädte, erkannt, dass die Frage bezahlbarer Wohnungen gelöst werden müsse. Seitdem wird hektisch gebaut.

          Dass gebaut wird, ist gut; was gebaut wird, oft nicht.

          Denn man baut am demographischen Wandel vorbei. Man baut kleine Kartons für „Singles“ und etwas größere für die klassische Kleinfamilie. Doch der Anteil von Familien an der Bevölkerung liegt in vielen Städten mittlerweile unter dreißig, in Münchens Innenstadt sogar unter zwanzig Prozent. Und dass vielleicht ein Rentner oder ein alleinerziehender Vater gar nicht in einer Singlekiste, sondern in anderen Strukturen leben möchte, wird nicht bedacht.

          Es gibt keine Entwürfe für acht Achtzigjährige, die nicht ins Heim, sondern in einer Art Wohngemeinschaft zusammenleben möchten; es gibt keine Entwürfe für drei Alleinerziehende, die ihre Kinder gemeinsam aufziehen wollen. All diese Personen sind keine Sonderfälle, sondern ein wesentlicher Teil der Bevölkerung. Und über Jahrhunderte waren solche „erweiterten Familien“ der Normalfall: In einem Handwerkerhaus, auf einem Bauernhof lebte die Kernfamilie eng zusammen mit Knechten und Mägden, Lehrlingen und wechselnden Gästen.

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