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Hunderttausende neue Wohnungen : Wie wir leben werden

Die Aufteilung einer Gesellschaft in „Singles“ und „Kleinfamilien“ und die entsprechende Förderung von nur zwei Wohntypologien ist eine normative Setzung, die ihren Ursprung in den Anforderungen der modernen Industriegesellschaft hat. Wie könnte man Häuser so bauen, dass wieder sowohl Klein- als auch Großfamilien, Singles in großfamilienartigen Verbänden, die Oma, die geschiedene Freundin mit Kind, in ihnen wohnen können?

Vorschläge kamen bisher vor allem aus Japan. „Die Standardisierung der Wohnungen“, schreibt der Architekt Riken Yamamoto, „führte zur Standardisierung der Familien, die sie bewohnen. Das Wohnen wurde zum Training und Disziplinierungswerkzeug zur Ausprägung einer Standardfamilie.“

In seinem „Community Area Model“ schlägt Yamamoto stattdessen offene Strukturen vor, in denen Wohneinheiten für Singles oder Paare eingefügt werden in eine Art Patchwork aus Arbeitsräumen, Büros, Tagesbetreuungseinrichtungen, restaurantartigen Kollektivküchen und Dachterrassen, auf denen man im Sommer gemeinsam grillen kann. In diesen neuen Clustern soll man in der Arbeitspause nach den Kindern oder den Eltern schauen oder Freunde auf parkartigen Dachlandschaften treffen können. Ein Raum kann zum Büro, zum Apartment für einen Freund, aber auch zur Werkstatt werden.

Eine vergleichbare räumliche Aufteilung findet man in Berlin bei den Baugruppengebäuden, die Bar Architekten, Fatkoehl und Silvia Carpaneto Architekten am Spreefeld errichtet haben. Wer eine 50-Quadratmeter-Wohnung besitzt, kann 150 Quadratmeter Gemeinschaftsfläche nutzen, die Dachterrasse, Waschräume, ein restaurantgroßes Wohnzimmer und eine Werkstatt.

Neue Wohneinheiten, offene Strukturen

Eines der interessantesten Baugruppenprojekte entsteht in Berlin gerade an der Kurfürstenstraße. Das von dem Büro June 14 entworfene Gebäude hat Platz für 23 Wohneinheiten – wobei diese „Einheiten“ so kunstvoll über mehrere Ebenen ineinandergreifen, dass die Bewohner sich wahlweise komplett abschotten (dann wäre das Haus ein normales Apartmentgebäude) oder aber Räume wie Küchen und Wohnzimmer zusammenlegen können: So könnte ein Freundeskreis von sieben Personen, könnten drei Alleinerziehende mit fünf Kindern zusammen wohnen.

Die neuen Wohnkommunen und Baugruppen stoßen nicht nur auf Begeisterung. Viele sind skeptisch, weil sich um geteilte Räume jemand kümmern muss, was in traditionellen WGs bekanntlich nicht immer passierte (stinkender Abwaschberg), und weil sie in Räumen, die mal kollektives Wohnzimmer, mal Teil der Stadt mit einer restauranthaften langen Tafel sein können, ihre Privatsphäre bedroht sehen.

Daran mag etwas sein – aber andererseits bedroht, wie der Philosoph Raymond Geuss bemerkte, vor allem der obsessive Hang moderner Gesellschaften zur Vereinzelung die wirkliche Privatsphäre. Man kann es das Weihnachtsfeierparadox nennen: Wenn an Heiligabend nur Vater, Mutter, Kind und Oma zusammensitzen, reicht es, wenn einer schlechte Laune hat, und das Fest ist für alle Teilnehmer zerstört. Viele Kleinfamilien, im englischen Sprachraum „nuclear family“ genannt, was dem potentiell Atomsprengkopfhaften dieser Konstellation auf schöne Weise Ausdruck verleiht, durften diese Erfahrung schon machen.

Dagegen steht die Festkultur traditioneller italienischer – oder auch syrischer – Familien, die solche Launen besser auffangen: Wenn dreißig Leute in einem erweiterten Großfamilienverband zusammen feiern, fällt die Laune oder Abwesenheit einer Person weniger auf. Wie bei einer Party kann man zwei Stunden verschwinden, ohne dass es einer merkt: Die „extended family“ macht in diesem Fall Privatsphäre erst möglich.

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