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Neuerwerbung des Städel : Diese Fremdheit unterm Türstock

Das Städel Museum in Frankfurt am Main hat ein Gemälde des dänischen Meisters Vilhelm Hammershøi erworben: ein Glück für die Sammlung.

          3 Min.

          Im Dezember 1904 schreibt Rainer Maria Rilke an seine Frau, die Bildhauerin Clara Westhoff, nachdem der Dichter auf seinen dringenden Wunsch hin dem dänischen Maler Vilhelm Hammershøi in Kopenhagen begegnet ist: „Man fühlt, dass er nur malt und nichts anderes kann oder will.“

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Jetzt darf sich das Frankfurter Städel über einen Neuzugang der erlesenen Art freuen. Aus einer englischen Privatsammlung konnte das Museum Hammershøis „Interieur. Strandgade 30“ aus dem Jahr 1901 erwerben. Es ist ein Paradebeispiel der hohen Kunst dieses Malers.

          Vilhelm Hammershøi (1864 bis 1916) lebte stets in seiner Heimatstadt Kopenhagen - und es mag scheinen, dass er die Innenräume seiner Existenz kaum je verlassen hat, selten nur einen Blick nach draußen warf. Das Im-Freien-Sein seiner Zeitgenossen, in der Natur oder auf dem Boulevard, war nicht seine Domäne. Alledem setzt er in der Strandgade 30, die er 1898 mit seiner Frau Ida bezog, für ein Jahrzehnt die frugale Möblierung seiner Wohnung entgegen, dem herrschenden vollgestopften Zeitgeschmack sowieso.

          Die Brücke zum Symbolismus

          Gewissermaßen kehrte er damit in die Stuben des holländischen siebzehnten Jahrhunderts zurück - und schritt zugleich voraus in eine gerade angebrochene Zukunft, die es eher mit dem Inneren von Seelen hielt, wie sie ein Wiener Nervenarzt erfand, als mit der vorlaut auftrumpfenden impressionierten Gegenwart. Hammershøi schlägt so die Brücke hin zum Symbolismus, aber fern jeder Theatralik.

          Immer wieder Zimmer, nicht großspurig und keinesfalls großräumig; immer wieder Türen, die seltsam fremd in ihren Angeln hängen; Schatten ohne Wohin und Glanzlichter ohne Woher; die Perspektiven und Proportionen, die gar nicht stimmen wollen - und Durchblicke ohne ein Außen; und immer wieder die Frau in Rückenansicht.

          Kein Ereignis, alles als Alla-Prima-Malerei, Hochkonzentration auf die Leinwand. So kommt es zu dieser Unwucht in der Wahrnehmung, die ins Surreale führt. Was Wunder, dass Hammershøi auch schon von den feinnervigen unter seinen Zeitgenossen erkannt wurde - und kein Wunder, dass ihn unsere Gegenwart wieder schätzt.

          Abseits des Auktionsmarkts aufgespürt

          Gemälde von Hammershøi sind in deutschen öffentlichen Sammlungen bisher kaum vertreten, nur die Alte Nationalgalerie in Berlin, das Niedersächsische Landesmuseum Hannover, Schloss Gottorf und die Hamburger Kunsthalle besitzen überhaupt welche. Jetzt gehört auch das Frankfurter Städel dazu, und dort fügt sich dieses „Interieur. Strandgade 30“ wunderbar ins Konzept von den Alten Meistern bis zur Moderne, wie es der Direktor Max Hollein und der Sammlungsleiter Felix Krämer, der vor seiner Frankfurter Zeit auch Hammershøi-Ausstellungen verantwortet hat, verfolgen.

          Für diese Erwerbung zu preisen ist der Städelsche Museumsverein, der mit seinen Mitteln - und zwar ausschließlich diesen - das Bild für Frankfurt möglich gemacht hat; denn es ist doch so: Vilhelm Hammershøis Œuvre ist vergleichsweise klein, gut 350 Gemälde verzeichnet der Werkkatalog.

          Ein wichtiges Bild von diesem Künstler, aus eben den zehn Jahren in der Strandgade, ist längst nicht mehr für einen Apfel und ein Ei zu haben. Und dann ist es überhaupt erst noch aufzuspüren - abseits des Auktionsmarkts, der seit einigen Jahren hochsechsstellige, zuletzt in Londoner Versteigerungen im Juni dieses Jahres siebenstellige Summen für solche Glanzstücke notiert. Der kapitalstarke Zeitgeist hat Hammershøi längst erkoren, als eine Stilikone.

          Schulterschluss mit den Gönnern

          Nicht zuletzt deshalb kann diese schöne Anstrengung des Museumsvereins - mit in Frankfurt gerade mal 7300 Mitgliedern - Vorbild und Ermutigung sein für einen Bürgersinn, der sich für seine Museen hierzulande starkmacht und damit beweist, dass sie keineswegs kapitulieren müssen vor der übermächtig gewordenen Konkurrenz auf dem weltweit offenen Markt für höchste Qualität. Denn wo der Schulterschluss zwischen dem Museum und seinen Gönnern funktioniert, der Zusammenhalt mit den für die Kunst engagierten Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft gedeihlich ist, wird ein solcher Ankauf allererst möglich.

          Noch einmal Rilke, der Dichter, über Hammershøi, den Maler: „Sein Werk ist lang und langsam und in welchem Augenblick man es auch erfassen mag, es wird immer voller Anlass sein, vom Wichtigen und Wesentlichen in der Kunst zu sprechen.“ Und von den Dingen des Lebens, auch das. Von Mitte November an wird Vilhelm Hammershøis herrliches Innenleben für alle Menschen, die ins Städel kommen, zu betrachten sein.

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