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Neueröffnung in New York : Ist das ein Museum oder ein Konzern?

  • -Aktualisiert am

Amerikanische Museen liefern sich den Sponsoren aus, und die betrachten die Kunst als Spekulationsobjekt. Das ist der wahre Grund für den Museumsboom. Heute eröffnet das neue Whitney Museum in New York.

          Natürlich brauchte das New Yorker Whitney Museum of American Art ein neues Headquarter. In seiner alten Heimat, Marcel Breuers Meisterwerk des 50er-Jahre-Brutalismus an der Upper East Side, war es nicht möglich, das Museum „erfolgreich ins 21. Jahrhundert zu führen“, wie es der Direktor Adam Weinberg ausdrückt. Also eröffnet am 1. Mai das neue Haus im Meat Packing District, am südlichen Eingang von New Yorks beliebtester Touristenattraktion, dem Highline Park.

          Für 422 Millionen Dollar bekommt das Whitney, was es benötigt, um dieses Jahrhundert zu überstehen. Einen metallisch glänzenden Repräsentationsbau von einem Architekten, dessen Namen jeder Kulturbanause kennt: Renzo Piano. Mehr Platz, um noch mehr Kunst zu zeigen, die noch mehr Besucher anlockt: 1,4 Millionen Gäste sollen im ersten Jahr kommen, doppelt so viele wie bislang. Restaurants, in denen prominente Köche arbeiten: Danny Mayer brät die Steaks. Einen Standort, der im Norden an das größte Galerienviertel der Welt grenzt, im Westen an den Hudson River und im Osten an eine hypergentrifizierte Shopping- und Nightlife-Hölle: perfekte Lage. Theater, Auditorium, Lobby sind glamourös genug, um endlich auch Sponsorenevents mit Weltfirmen abhalten zu können. Tiffany, Bank of America, BNP Paribas und Hauptsponsor Audi haben in den Lokalitäten bereits gefeiert.

          Wettrüsten der Museen

          Adam Weinberg, der das Haus seit 2003 leitet, bekommt viel Lob. Die Arbeit eines New Yorker Museumsdirektors wird danach beurteilt, wie viel Geld er einwirbt. Schließlich kämpft in Amerika jede kulturelle Institution für ihr eigenes Wohl, die staatlichen Zuweisungen reichen vielleicht gerade für die Stromrechnung. 725 Millionen hat Weinberg aufgetrieben, um den Neubau zu finanzieren und das Stiftungsvermögen von 53 auf 275 Millionen zu steigern - nur so werden die laufenden Kosten von fünfzig Millionen pro Jahr zu decken sein. Das Whitney bekam von Standard & Poors auch in diesem Jahr die höchste Bonitätsrate AAA. Ein Glanzstück der Finanzplanung, denn selbst das MoMA hatte in den vergangenen Jahren seine AAA-Wertung zeitweise verloren.

          Weinberg scheint es tatsächlich geschafft zu haben, dem Whitney eine bessere Zukunft zu sichern. Das Museum richtet zwar die berühmte Biennale für amerikanische Kunst aus, stand bislang aber im Schatten der mächtigeren und reicheren Institutionen New Yorks. Die steigern sich in ein Wettrüsten, immer teurere Anbauten müssen her, um stark zu bleiben im kulturellen Overkill der Stadt.

          Es ist noch nicht lange her, da gab das MoMA 850 Millionen Dollar für eine Erweiterung aus. Das Metropolitan Museum reagierte mit einem Entwicklungsprogramm, das einen zehnstelligen Betrag kostet. Unter anderem wird es seine zeitgenössische Sammlung im alten Whitney-Gebäude unterbringen. Darauf antwortet das MoMA mit einem 82-stöckigen -Luxuswohnturm, in dessen untere Geschosse das Museum expandieren wird und für den das American Folk Art Museum wegplaniert wurde - ein Gebäude, das als architektonisches Kleinod New Yorks galt. Jean Nouvels „Tower Verre“ wird sich dort in Zukunft wie ein ausgestreckter Mittelfinger dem New Yorker Kulturbetrieb entgegenrecken.

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