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Neuer Museumsbau in Michigan : Ein Bau, so zielsicher wie ein Geschoss

  • -Aktualisiert am

Für diesen Prachtbau kommt nur eine Frau in Frage: die Architektin Zaha Hadid. Denn die Michigan State University hat sich keinen stillen Eckensteher, sondern einen lauten Augenfänger gewünscht. Mission erfüllt.

          Sie bekam, was sie wollte. Die Michigan State University, ein Riesenapparat der Forschung und Lehre mit nahezu fünfzigtausend Studierenden, hatte sich ein neues Museum gewünscht, und zwar ein Gebäude, das sich, wie es in der Wettbewerbsausschreibung hieß, in den Vordergrund schiebt und für Aufmerksamkeit sorgt über die Grenzen der Universität, der Stadt, des Bundesstaats, ja des Landes hinaus.

          Ganz klar ein Fall für Zaha Hadid, die international umschwärmte Primadonna des aufsehenerregenden Architekturdynamismus, die auch prompt das Rennen machte. Mit einem Projekt in Form eines Projektils, das am Rande des üppig begrünten Campus nur darauf zu warten scheint, in die Welt abgeschossen zu werden.

          Affront als Einladung

          Hadids Museum hat den Reiz einer Maschine, die kompliziert genug ausschaut, um eine Bedienungsanleitung zu erfordern oder sogar die gut sichtbar angebrachte Warnung: Benutzung auf eigene Gefahr! Wie sich dann aber herausstellt, ist der industriell grundierte Phantasiebau ausgesprochen benutzerfreundlich.

          Unter seiner Haut aus Glas und glänzenden, wie eine Ziehharmonika gefalteten Edelstahlpaneelen, die immer wieder abrupt die Richtung ändern und schneidend scharfe Kanten und Ecken bilden, könnte der Baukörper liebenswürdiger, heller und luftiger kaum sein. Seine vage futuristische Aura bricht zwar radikal mit dem Backsteinidyll, an das sich die Universität über anderthalb Jahrhunderte gewöhnt hatte, verwandelt den Affront dann aber in eine beschwingte Einladung zum Abenteuer.

          Verwandlungsfähigkeit im Inneren

          Dabei wird die Kunst architektonisch nicht einfach zur Seite gedrängt. Hadid, keine Frage, hat auch hier eine Skulptur geschaffen, die über zwei Stockwerke ihre eigene Energie entfaltet und mit Herausforderungen nicht geizt. Wer sich in den offenen, wild und widerborstig rhythmisierten Räumlichkeiten zurechtfinden oder gar einrichten will, kann das nicht ohne Rücksicht auf die vorgegebenen Themen und Motive tun. Also wiederum ein Bau, der erst einmal in sich selbst verliebt ist?

          Ja, schon, aber die Architektin hat ihn in seinem Innern nicht ein für allemal fixiert, sondern mit einer Verwandlungsfähigkeit ausgestattet, wie sie für seine Bespielung unerlässlich ist. Statt einigen wenigen Highlights ewiges Hausrecht zu gewähren, hat die Universität nämlich vor, ihre eindrucksvolle Sammlung von mehr als siebentausend Objekten, die von der Antike bis zur Gegenwart reichen, in einer beständig wechselnden Auswahl zu zeigen.

          „In Search of Time“

          Bisher war das nur schwer möglich. Finanziell geriet die Sache in Schwung dank der achtundzwanzig Millionen Dollar, die von Eli und Edythe Broad gestiftet wurden, dem nicht unumstrittenen Sponsoren- und Sammlerehepaar, das vor allem die kalifornische Museumslandschaft mit immer neuen Gaben in seinem Sinne prägt. Die Michigan State University kam in den Genuss der Broad’schen Millionen, weil Eli Broad sie als seine Alma Mater in wärmster Erinnerung hat.

          Obwohl das mit insgesamt vierzig Millionen veranschlagte und innerhalb von zwei Jahren gebaute Museum offiziell den Namen Eli and Edythe Broad Art Museum at Michigan State University trägt, werden die Broads, wie Museumsdirektor Michael Rush ausdrücklich betont, in dem Haus weder Teile ihrer gewaltigen Sammlungen unterbringen noch Einfluss auf Ausstellungen und weitere Planungen nehmen.

          Zur Eröffnung sind jetzt unter dem Ausstellungstitel „In Search of Time“ Künstler und Kunstwerke in Dialoge verwickelt, die auf der Suche nach Zeit und Gedächtnis sich über Jahrhunderte erstrecken und das europäische Mittelalter ebenso streifen wie afrikanische Skulpturen des 19. Jahrhunderts und Beuys und Warhol und Kiefer und Kelley und Hirst. Dazu sind in „Global Grove 1973/2012“ letzte weltumspannende Videotrends zu besichtigen, und selbstverständlich darf auch das Internet seine künstlerische Potenz erproben, mit live Abstechern nach Istanbul, Dubai, Peking, Guangshou und Ho Chi Minh City.

          Marco Brambilla zeichnet in 3D die Geschichte der menschlichen Evolution nach, Inigo Manglano-Ovalle erinnert mit einer hängenden Monumentalskulptur an die experimentale Bauartistik von Buckminster Fuller, und Chen Qiulin gedenkt in einer Installation der menschlichen Opfer, die der massive Drei-Schluchten-Damm forderte. Sollte ein derartiger Variationenreichtum auch in den kommenden Jahren Programm sein, wäre über einen Mangel an konzeptueller Vielseitigkeit gewiss nicht zu klagen.

          Was für die Universität als wichtiges pädagogisches Instrument gedacht ist, soll sich zugleich zu einer einflussreichen Institution entwickeln, die es schafft, auf der globalen Kunstszene eine wachsende Rolle zu spielen. Nicht weniger hat sich jedenfalls Museumsdirektor Rush vorgenommen, und mit ein bisschen Unterstützung von Zaha Hadid müsste es doch gelingen, Besucher nach East Lansing zu locken, auf deren privater Landkarte der sonst kaum verlockende Ort bisher noch nie aufgetaucht war. Und so weht denn nun ein Hauch von Bilbao auch durch den Bundesstaat Michigan.

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