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Neue Synagoge in Mainz : Am Ende siegt das Wort

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Die neuerrichtete Synagoge von Mainz ist ein Bau von höchster Qualität. Nach verzögertem Baubeginn und architektonischer Konkurrenz in Dresden und München verfügt die Stadt jetzt über einen faszinierenden Solitär voller symbolischer Bezüge.

          Die jüdische Religion und Kultur war mit der Diaspora endgültig ganz auf das Wort gestellt. Jahrhundertelang gleichsam ohne festen Wohnsitz, wurde den Juden die Schrift zur eigentlichen Behausung, war die Tora und nicht die Synagoge der feste Ort der Identität. Deshalb hat Manuel Herz, der Architekt der neuen Synagoge von Mainz, seinem Gebäude den Begriff „Kaduscha“ unterlegt, als Heiligung oder Erhöhung die Grundformel der feierlichsten jüdischen Gebete.

          Um die solcherart vage Stellung von Sakralarchitektur im Judentum zu veranschaulichen, erzählt Herz vom skurrilen mittelalterlichen Disput Schriftgelehrter über die – nach monatelangen Debatten bejahte – Frage, ob man Laubhütten auch aus den Knochen von Elefanten bauen dürfe. Das wunderliche Problem wurde mittels verzwicktester Gedankenfolgen buchstabengetreu zur Heiligen Schrift gelöst. Wer heute, ob Jude oder Nichtjude, die Mainzer Synagoge anschaut, dürfte sie ohne Wortklauberei nicht selten mit den allbekannten Laubhütten verbinden, die zum Sukkot-Fest, dem Gedenken an den Auszug der Israeliten aus Ägypten, errichtet wurden und werden.

          Die Assoziation wird von der Großform und der Farbe des Ensembles hervorgerufen. Mit gezackten Konturen, die in einer schräg steilen, maßvoll hohen Turmform gipfeln, und mit zahllosen reliefierten Stab-Keil-Strukturen erinnert der Außenbau an das Gestänge von Hütten. Den Eindruck von dicht verflochtenem Laub strahlt die Majolikaverkleidung der Fassaden aus, hochglänzend gebrannt, in vielfältigen Grüntönen flirrend, die je nach Standpunkt des Betrachters bis in spiegelndes Schwarz oder leuchtendes Weiß übergehen können.

          Abkömmlinge des hebräischen Alphabets

          Von weitem verschmilzt die Synagoge mit dem Grün alter Bäume, die ihren Vorplatz und die Allee säumen, an der sie inmitten eines leidlich erhaltenen, noch immer vornehm wirkenden Gründerzeitviertels am Rand der Mainzer Innenstadt steht. Manuel Herz hat trotz aller Exzentrik die städtebauliche Situation berücksichtigt: West- und Nordseite seiner Architektur nehmen das Blockrandgefüge der Altbauten auf, der Turm setzt ein markantes Zeichen, ohne die Quartier-Silhouette zu erschlagen, der Vorplatz entspricht, wenn auch großzügiger angelegt, den Vorgärten der alten Bürgerhäuser.

          Laubhütte also? Mag sein. Doch das eigentliche Fundament des Entwurfs, betont Herz, ist die Schrift, das Wort, die Tora. So sind die allgegenwärtigen Dreiecksformen der Fassaden, die rampenartig schrägen Zinkdächer, die dreieckigen Fenster und der angeschrägte Haupteingang Abkömmlinge des hebräischen Alphabets. Zudem in alle Richtungen strebende Perspektiven suggerierend, verweisen sie auf die unendlichen Deutungsmöglichkeiten der Heiligen Schriften.

          Erhabene hebräische Buchstaben sind denn auch der Schmuck des Hauptportals aus silbrigem Aluminium. Sie formen die Schriftzüge „Das Licht der Diaspora“ und „Die Synagoge von Mainz“. Das Wort vom Licht, das den Juden in der Diaspora leuchte, stammt aus dem frühen Mittelalter, als Mainz mit einer der wichtigsten jüdischen Gemeinden Europas eine Hochburg des Geistes barg. Ihre Wurzeln dürften bis in die Spätantike reichen, als Mainz, neben Trier und Köln, eine bedeutende Stadt im germanischen Teil des Römischen Reiches und damit sicher auch bereits Sitz einer jüdischen Gemeinde war. Darauf spielte der Vorgänger der heutigen Synagoge an, dessen Hauptbau von 1912 ein Zitat des römischen Pantheons war, flankiert von einem Nebentrakt, der in unverkennbarem Mainzer Barock die Verbundenheit der Gemeinde mit der Stadt und deren Traditionen bekundete.

          Ein zwischen Bronze- und Goldtönen changierendes Gespinst

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