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Merchandise im Museum : Freud, der Fetisch?

Schriften, Brille und Etui machen noch keinen neuen Freud. Bild: Neue Galerie New York

Wahrlich erlesen: Die Neue Galerie in New York verkauft ein teures Nippes-Paket. Enthalten ist unter anderem eine Sonnenbrille, wie sie der Begründer der Psychoanalyse einst getragen hatte.

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          Das klingt wirklich einmal nach einer Verlockung – „Freud Fetish“. So nämlich nennt die Neue Galerie an der Fifth Avenue in New York das aktuelle Angebot in ihrem opulenten Geschenkeladen. Das „Museum für deutsche und österreichische Kunst des frühen zwanzigsten Jahrhunderts“ hat sich da eine sehr spezielle Zusammenstellung ausgedacht, hübsch verpackt. Wahren Liebhabern muss das Herz aufgehen und mit ihm der Geldbeutel beim Preis von 537 Dollar.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Dafür hat das Ensemble drei überzeugende Bestandteile. Da ist zunächst Sigmund Freuds Sonnenbrille, genauer eine Brille mit dunkelgrünen Gläsern ungefähr nach dem Modell, wie er es einst trug. Das Gestell ist, kostbar genug, aus Schildpatt handgefertigt von einem feinen Optiker. Dazu gibt es ein Freud-Brillenetui, hergestellt in der Wiener Traditionsfirma R. Horn’s für exklusive Lederwaren, die, so deren Philosophie, „dem ästhetischen Verständnis der Arbeiten von Otto Wagner, Josef Hoffmann, Adolf Loos und der Wiener Werkstätte“ verpflichtet sind. Passt also bestens, handgenäht aus braunem Kalbsleder und autorisiert vom Sigmund Freud Museum in Wien.

          Beziehungen zum Unbewussten

          Was so weit eher edler Nippes ist, wird getragen vom alles entscheidenden Bildungsaspekt, in Form einer 973 Seiten umfassenden Ausgabe der „Grundlegenden Schriften“ des Vaters der Psychoanalyse: „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“, „Die Traumdeutung“, „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“, „Totem und Tabu“ und „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung“. Das Ganze in der englischen Übersetzung von Abraham Arden Brill und in voller Länge, selbstredend. Wer diese Texte inhaliert, ist erst einmal bedient in der hehren Absicht, ihren Inhalt zu erfassen, der, so lautet das nicht ganz neue Versprechen, „zutiefst unser Verständnis des menschlichen Verhaltens beeinflusst“ hat.

          Sehr gut möglich, dass das New Yorker Museum bei dem exquisiten Geschenkpaket an allfällige, aktuelle Deutungsanschlüsse beim Erfinder der Seelenkunde gedacht hat. Beizufügen wäre gegebenenfalls noch die Abhandlung „Zur Einführung des Narzißmus“ aus dem Jahr 1914 gewesen. Aber auch so dürfte die Lektüre der „Basic Writings“ sattsam erhellend bei der Betrachtung mancher Kunstwerke samt ihrer Historie in der Neuen Galerie sein. Das gilt nicht zuletzt für Gustav Klimts Bildnis „Adele Bloch-Bauer I“, berühmt als die „Goldene Adele“, das dort ein Herzstück bildet. Der Hausherr Ronald Lauder hat das Gemälde des Wiener Großkünstlers des Fin de Siècle im Jahr 2006 für 135 Millionen Dollar gekauft. Es ließe sich, da würde Lauder als leidenschaftlicher Sammler vielleicht sogar zustimmen, einen veritablen „Klimt Fetish“ heißen. Wobei einem endlich, freie Assoziation halt, unwillkürlich Freuds kleine, ein wenig gewöhnungsbedürftige Schrift von 1927 einfällt, die schlicht „Fetischismus“ heißt. Dass sie im großen Freud-Kompendium fehlt, ist schon recht; der Weg zur Erkenntnis führt eben auch beim Meister über manch steinigen Pfad. Und „Freud Fetish“ hätte ihm wohl nicht wirklich gefallen, wo er mit Amerika selbst so gar nicht zurechtgekommen ist.

          Das macht aber nichts, die Idee des Museums ist trotzdem voller Witz, inklusive ihrer Beziehungen zum Unbewussten. Freuds zynischer Wiener Zeitgenosse Karl Kraus hatte die Sache mit dem Fetischismus sehr simpel so formuliert: „Es gibt kein unglücklicheres Wesen unter der Sonne, als einen Fetischisten, der sich nach einem Frauenschuh sehnt, und mit einem ganzen Weib vorlieb nehmen muß.“ Dann doch, bitte, lieber diese dunklen Augengläser à la Sigmund Freud, um in der hellen Sonne seine erleuchteten Texte zu lesen.

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