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Jüdisches Museum öffnet wieder : Wo bleiben Stolz und Zorn?

Niemand hört dem Mahner zu: Jakob Steinhardts Gemälde „Der Sonntagsprediger“ entstand zwischen 1930 und 1934 Bild: Jüdisches Museum Berlin

Die neue Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin bespielt den Libeskind-Bau überzeugender als ihre Vorgängerin. Aber es fehlt ihr bei allem Geschick im Umgang mit dem Gebäude an Emotionen.

          4 Min.

          Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis die Geschichte des Jüdischen Museums Berlin selbst Gegenstand einer Ausstellung wird. Sie müsste mit der Gründung des weltweit ersten Jüdischen Museums überhaupt neben der Synagoge in der Oranienburger Straße Ende Januar 1933 beginnen, sechs Tage vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, und mit der Schließung des Museums durch die Gestapo am Tag nach der „Reichskristallnacht“ 1938 und der Neugründung im Jahr 1971 später weitergehen. Die briefliche Intervention des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu gegen die Jerusalem-Ausstellung im Dezember 2018 wäre sicher ein prominentes Ausstellungsstück. Mit dem Rücktritt des Museumsdirektors Peter Schäfer sieben Monate später und dem Amtsantritt seiner Nachfolgerin Hetty Berg im April dieses Jahres könnte der Rundgang enden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wie alle Ausstellungen zur Geschichte des Judentums in Deutschland hätte auch diese ein strukturelles Problem – einen schmerzlichen Mangel an sprechenden Objekten. Die deutsche Geschichte, besonders jene zwölf Jahre, die Ende Januar 1933 anfingen, hat diese Objekte zerstört oder in alle Welt verstreut. Das Jüdische Museum Berlin lebt also, wie alle deutschen Jüdischen Museen, aus dem Paradox, etwas sichtbar zu machen zu müssen, das zu großen Teilen unsichtbar geworden ist. Dazu kommt noch der besondere Charakter der jüdischen Kultur, in der die Schrift und ihre Wieder- und Weitergabe fast alles und das Bild fast nichts bedeutet.

          Der Libeskind-Bau ist ein Kunstwerk für sich

          Beim Jüdischen Museum Berlin wird die kuratorische Aufgabe dadurch weiter erschwert, dass der Bau, in dem seine Dauerausstellung residiert, selbst ein Kunstwerk ist. Daniel Libeskinds dreigeschossiger gezackter Stern aus Titanzink setzt der musealen Kreativität in jeder Hinsicht Grenzen. Wer das Gebäude einmal leer gesehen hat, wird nie ganz von der Vorstellung loskommen, dass seine leeren Ecken („voids“), seine Fensterschlitze und Angstkorridore eigentlich schon der Inhalt sind, den das Museum erst zeigen will. Entsprechend wurde der ersten, im September 2001 eröffneten ständigen Ausstellung vorgeworfen, sie beleidige den Bau, indem sie ihn benutze, sie profaniere seinen Geist und seine Form.

          Diesen Vorwurf kann man der neuen Dauerausstellung, die am Sonntag nach dreijähriger Einrichtungszeit eröffnet wird, nicht mehr machen. Oder jedenfalls nicht ganz. Es ist wahr, auch diesmal gibt es Stellen, an denen die Einbauten des Architektenteams Detlef Weitz und Hella Rolfes mit dem Libeskind-Bau zu hadern scheinen, und zwar gerade dort, wo es um die Kultur des jüdischen Bürgertums in Deutschland geht: die preußische Aufklärung, das Judentum im Kaiserreich, die Blüte jüdischer Künstler, Unternehmer und Wissenschaftler bis zum Ende der Weimarer Republik. Aber es gibt auch Bereiche, in denen die Innengestaltung das Gebäude auf unerwartete Weise zum Sprechen bringt, etwa in einem Gang mit Klanginstallationen zum religiösen Alltag oder in dem Raum, der von der Verfolgung und Ausgrenzung im Nationalsozialismus der Vorkriegszeit erzählt.

          Eine Unlust, Geschichte zu erklären

          Dort hängt eine Medienstation, die die Ausschreitungen gegen Juden im zeitlichen Verlauf durch kleine Blitze auf einer Umrisskarte Nazideutschlands darstellt. Bis zum November 1938 ballen sich die Blitze an Rhein, Main und Mosel, im Ruhrgebiet und in Berlin, dann feuern sie plötzlich über das ganze Land. Libeskinds gekipptes Fensterband läuft mitten durch die Medienstation hindurch. Wenn es einen gedanklichen Höhepunkt der Ausstellung gibt, dann liegt er genau hier, in der visuellen und expressiven Verdichtung von Geschichte.

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