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Besinnliches Bild für Freising : Licht in die ärgste Finsternis

Ein Kind als Hoffnungsträger: Henning von Gierkes neunteilige Bild-Installation „Berufung, Weg und Vision des Heiligen Korbinian“ in Freising, 2020. Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Henning von Gierke

Weniger „in excelsis deo“, eher dramatisch irdisch: Auf Freisings Domberg wird ein irritierend neues Bild des Heiligen Korbinian mit Anklängen an Weihnachten präsentiert.

          3 Min.

          In der Johanneskirche auf dem Freisinger Domberg prallt zu Weihnachten rohe Naturgewalt auf Geist, tiefe Wildnis auf Kultur, ein Neugeborenes auf einen alternden Heiligen. Der Bistumsheilige Korbinian, wichtiger Missionsbischof des frühen achten Jahrhunderts und in Freising als Ortsmarke mit nach ihm benannten Wallfahrten, Liedern, Broten und Brücken präsent, wird vom Künstler Henning von Gierke irritierend neu gesehen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          In der Mitte des in die Kirche gestifteten, 230 mal 190 Zentimeter messenden Ölbildes ist die Sekunde vor seiner bekanntesten Wundertat eingefroren: Der Heilige in schwarzer Soutane und mit Dreitagebart kommt zu spät, da ein Bär in der Wildnis seinen Esel schon gerissen hat; er wird das seiner Natur folgende Raubtier im nächsten Moment bekehren und dazu bringen, sein gesamtes Gepäck auf der mühseligen Wallfahrt nach Rom zu tragen, um mit dem domestizierten Petz im Triumphzug in die Heilige Stadt einzureiten – Geist und Kultur siegen über rohe Natur, das Gute macht sich das Böse in Gestalt des Raubtiers dienstbar.

          Um zu symbolisieren, dass der populäre Korbinian vor seiner Missionstätigkeit und seit seiner Jugend Jahrzehnte als Eremit in dschungeltiefen Wäldern zubrachte, meditiert links im Eingang einer Laubhütte ein Mogli-hafter Junge nur mit Lendenschurz. Rechts steht in Simultandarstellung der weißhaarige Heilige im Bischofsornat, mit ausgebreiteten Armen und goldumglänztem Haupt eine Vision über dem weihrauch- und lichtgeschwängerten Barockaltar des Doms empfangend.

          Die Kunst als Seismograph

          Die irritierende Bild-Installation des Künstlers von Gierke unter dem Titel „Himmel, Glaube, Erde“ hängt seit Mitte November in der 701 Jahre alten Kirche auf einem taubenblauen Tuch und ist in dieser Form noch bis Februar zu sehen. Die Bildwelt dieses temporären „Altars“ thematisiert laut Diözesanpressestelle „die Auseinandersetzung mit Gewalt, der mit Frieden und Hoffnung begegnet wird“.

          Über dem Freisinger Domberg schwebt jetzt das Apokalyptische Weib: Zwei mächtige Kirchtürme krönen den barockisierten Mariendom, der 1205 geweiht wurde. Vor dessen Portal liegt die frühgotische Kirche St. Johannes mit dem neuen Korbinian-Bild.
          Über dem Freisinger Domberg schwebt jetzt das Apokalyptische Weib: Zwei mächtige Kirchtürme krönen den barockisierten Mariendom, der 1205 geweiht wurde. Vor dessen Portal liegt die frühgotische Kirche St. Johannes mit dem neuen Korbinian-Bild. : Bild: Picture-Alliance

          Wo aber verbirgt sich auf dem Bild die Hoffnung? Gewalt gibt es als Spiegel der realen Welt reichlich zu sehen. Im Vordergrund das von der brutalen Naturgewalt in Gestalt des furchteinflößenden Bären gerissene Lasttier, das eher einem Pferd ähnelt und wie ein Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen alle Viere von sich streckend auf einem Trümmerhaufen wie in einem Weltkriegs-Triptychon von Otto Dix liegt. In der Sphäre des Altargesprenges oben schwebt eine Blase, in der ein schreiendes Neugeborenes mit gen Himmel gerichteten Armen über einer liegenden Nackten mit kugeligem Bauch und Schwingen schwebt, wobei beide durch eine Nabelschnur verbunden sind.

          Muss das wirklich sein, wird mancher nun fragen, noch mehr rohe Gewalt und explizite Nacktheit in diesem ohnehin katastrophalen Jahr, und dann auch noch in einer Kirche zu Weihnachten? Doch es gibt eine Notwendigkeit: Kunst ist Seismograph, sie „realisiert“ Kommendes und abstrahiert Vorhandenes, indem sie sich altvertrauter Bilder bedient und diese mit neuer Bedeutung anfüllt.

          Mutter, Kind, Taube

          Im Fall des Korbinian-Bildes geschieht dies durch das schutzlos wiedergegebene Neugeborene an der Nabelschnur und seine noch schwangere Mutter. Bekleidet mit der Sonne und bekrönt von Sternen, greift sie das sogenannte Apokalyptische Weib der Johannesoffenbarung auf, das typologisch quer durch die Jahrhunderte als die Gottesgebärerin Maria verstanden wurde. Dass hier vom Künstler auf eine normale Schwangere und zugleich auf die in der Bibel beschriebene Frau der Apokalypse, die ebenfalls gesegneten Leibs und unter Schmerzen gebärend war, angespielt wird, erweisen die goldenen Sterne über ihrem Haupt und der grauweiße Bogen, auf der ihr geflügelter Körper lagert. Raffiniert vom oberen Rundbogen des barocken Altarblatts dahinter gebildet, wird dieser Bogen zur Mondsichel, auf der die Mutter auch bei Tilman Riemenschneider, Veit Stoß und Michel Erhart ruht. Über Mutter und Säugling wacht eine weiße Taube, Symbol des durch das Kind gebrachten Friedens oder – theologisch – der Trinität als Heiliger Geist.

          Bekleidet mit der Sonne und auf der Sichel stehend: „Mondsichelmadonna“ aus der Werkstatt des älteren Cranach, 1520 für Halle geschaffen.
          Bekleidet mit der Sonne und auf der Sichel stehend: „Mondsichelmadonna“ aus der Werkstatt des älteren Cranach, 1520 für Halle geschaffen. : Bild: ddp

          Verfolgt aber wird diese besondere Frau mit ihrem Gottessohn von einem Drachen, und hier zeigt sich, wie subtil – bei aller Brachialität in den großen Formen – der Maler von Gierke Details aus dem buchstäblichen Gestern mit dem Heute zu verschleifen weiß: Vom milchig verschwommen durch die Fruchtblase überblendeten alten Rubens-Hochaltargemälde des Freisinger Doms im Hintergrund (dessen Original sich seit 1836 in der Alten Pinakothek in München befindet) züngelt scharf umrissen gerade nur die Schwanzspitze des Drachens in Richtung des Apokalyptischen Weibs mit ihrem Neugeborenen in die Jetztzeit herüber. Der alte Hochaltar zeigt das in der Johannes-Apokalypse Geschilderte in der tradierten Form, die Blase davor eine neue Ikonographie sehr grundsätzlich gefährdeter Schwangerschaft. Beide sind visuell mittels der „Nabelschnur“ des Drachenschwanzes als Symbol für ein Hineingeworfen-Werden in eine stets vom Bösen bedrohte, keinesfalls friedvolle oder gar perfekte Welt miteinander verbunden.

          Dass „gewaltige“ apokalyptische Bilder von Beginn an zum festen Bestand der christlichen Kunst gehören, wird niemand verwundern. Seit bald zweitausend Jahren aber gehört das Doppelbild des Apokalyptischen Weibs und der Maria Gottesgebärerin als wichtigstes Vexierbild des Christentums zum lebensnotwendigen Grundstock der Menschen: Es verkörpert die Hoffnung auf ihr Weiter- und Überleben in Kindern, die, wenn sie auch in üble Umstände – hier eine kalte Trümmerlandschaft – hineingeboren werden, doch Licht selbst in die ärgste Finsternis bringen. Ohne diese unzerstörbare Hoffnung wäre jedes Weiterleben sinnlos.

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