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© Rheinisches Landesmuseum Trier

Langweilig war er nie

Von TILMAN SPRECKELSEN

20.05.2016 · Nero war ein Kaiser, der niemanden kalt ließ. Eine Ausstellung in Trier begegnet den traditionellen Anklagen mit Fundstücken. Und kommt zu überraschenden Ergebnissen.

Am Ende ging alles ganz schnell: Am 19. März des Jahres 68 erfuhr Nero in Neapel vom Aufstand des römischen Senators Gaius Julius Vindex, der in Gallien mit 100.000 Kämpfern gegen den Kaiser marschierte. Nero ließ sich Zeit, und als er schließlich doch nach Rom zurückreiste, beschäftigte er sich mehr mit einer kürzlich erfundenen Wasserorgel, mit der er seine Theater ausstatten wollte, als mit Vindex. Im April fiel der spanische Statthalter Galba von Nero ab, weitere Militärs folgten. Schließlich wechselte auch der Anführer von Neros Leibwache die Seiten, der Senat erklärte Nero am 8. Juni zum Staatsfeind, und der floh verzweifelt, ein schlammverschmiertes Häuflein Elend, auf das Landgut seines Verwalters Phaon. Am nächsten Morgen ließ er sich erdolchen. Zwei Ammen und seine Geliebte, die freigelassene Sklavin Claudia Acte, sorgten gemeinsam für eine angemessene Bestattung des Einunddreißigjährigen im kaiserlichen Familiengrab auf dem Marsfeld.

Neros Tod war zugleich die Geburtsstunde einer literarischen Totalverdammung, die ihresgleichen sucht und bis heute wirkt. Was spätere Historiker, Tacitus (der im Jahr von Neros Tod etwa dreizehn Jahre alt war) und vor allem die beiden nachgeborenen Sueton und Cassius Dio, über den letzten Kaiser aus dem Geschlecht des Augustus berichteten, ist eine Ansammlung von Grausamkeiten und Ausschweifungen, zahlreiche eigenhändig verübte oder befohlene Morde, darunter der an seiner Mutter Agrippina und an seiner schwangeren Frau Poppaea Sabina, schließlich der Brand von Rom im Jahr 64 und die anschließende Christenverfolgung.

© Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim Antiker Lorbeerkranz aus Gold, 4./3. Jh. v. Chr.

Vor allem aber, und das macht Nero so besonders unter den mitunter nicht weniger fragwürdigen Cäsaren dieser Zeit, soll er viel auf seine Kunst und wenig auf das Imperium gegeben haben – „ach, welch ein Künstler stirbt mit mir“, waren angeblich seine letzten Worte. Der Revolte des Jahres 68 ging denn auch eine Griechenland-Reise Neros in den Jahren 66 und 67 voraus, in deren Verlauf sich der Kaiser auf die Bühne stellte – sich also unter die sozial eher randständigen Schauspieler mischte –, als Wagenlenker und Sänger vor Publikum auftrat und dabei mit Argusaugen über die Resonanz in seinem Gefolge wachte: Wer einschlief, während der Kaiser musizierte, hatte später ganz schlechte Karten.

Doch es scheint, dass nicht zuletzt diese Reise seinen Untergang einleitete: Nero war im Senat, dem Hüter über die Tradition der Stadt, unmöglich geworden, weil er die übliche Symbolik römischer Imperatoren mit einer neuen, ganz eigenen überschrieb: Statt besiegte Feinde und reiche Kriegsbeute nach Rom zu bringen, führte er exakt 1808 goldene Lorbeerkränze mit sich, die er auf seiner Griechenland-Fahrt im Künstlerwettkampf gewonnen hatte.

Exakt dieses Spannungsverhältnis steht im Zentrum einer großangelegten Ausstellung, die jetzt im rheinischen Landesmuseum Trier eröffnet worden ist. Sie fragt nach der Resonanz, die Nero erzeugte, zu Lebzeiten wie in den Jahrhunderten nach seinem Tod, unter den einfachen Leuten ebenso wie im Senat. Und wollte man das Ergebnis auf eine plakative Formel bringen, müsste man Nero als den Kaiser bezeichnen, der niemanden kaltließ, der die Menge hinreißen und den Abscheu der Aristokraten erregen konnte.

  • © GDKE - Rheinisches Landesmuseum Trier, Th. Zühmer. Was muss ein Kaiser mitbringen? Der erste Raum der Ausstellung zeigt die Köpfe einiger berühmter Vorgänger Neros.
  • © GDKE - Rheinisches Landesmuseum Trier, Th. Zühmer. Zu den wenigen Werken dieser Ausstellung, die das Rheinische Landesmuseum aus eigenen Beständen beisteuerte, gehört ein hinreißender Apoll.

Tatsächlich frappiert es, wie sehr die negativ getönte Geschichtsschreibung, die freilich von Protagonisten stammt, die dem Senat nahestanden, in Teilen von archäologischen Befunden abweicht, denen zufolge Nero noch Jahrhunderte nach seinem Tod ausgesprochen beliebt gewesen sein muss. Dies bezeugen etwa zahlreiche Spiegel, deren Rückseite mit dem Bild Neros versehen waren, und vor allem die in der Spätantike beliebten Kontorniaten, eigens angefertigte Münzen, die wohl zum Jahreswechsel verschenkt wurden und die überproportional häufig auf einer Seite ein Porträt des dreihundert Jahre zuvor verstorbenen Nero zeigten. Warum? Bekannt ist, dass Nero im Wesentlichen durch den Ehrgeiz seiner Mutter Agrippina auf den Thron kam, als Nachfolger des Claudius, der seine Nichte Agrippina heiratete und Nero adoptierte - sein leiblicher Sohn Britannicus hatte das Nachsehen und starb kurz nach Neros Machtübernahme, vielleicht an seiner Epilepsie, vielleicht durch Gift.

© dpa, Reuters

Ein Herzstück der Trierer Ausstellung ist eine geschickt plazierte Statue, eine Leihgabe aus dem Louvre, die Nero als Jugendlichen zeigt. Ein Amulett, das ihm um den Hals hängt, weist ihn als noch nicht mündig aus, aber sein Gesicht und seine Haltung signalisieren einen eigenständigen Kopf – nur sonderlichen Ehrgeiz, als Imperator zu glänzen, liest man daraus nicht ab.

Viel eher ist da ein Kind auf der Schwelle zum Mann, das störrisch und nervös auf die Pläne reagiert, die man mit ihm hegt. Und es ist eine kluge Entscheidung der Kuratoren, diese Statue mit lauter Insignien zu umgeben, die auf die Manöver von Agrippina und möglicherweise auch von Claudius verweisen, den politischen Aufstieg des Jungen zu befördern.

© DPA Eine Leihgabe aus dem Louvre in Paris, die Togastatue des Nero aus Marmor (um 50 n. Chr.), die den römischen Kaiser im Jugendalter zeigt

Eine Büste zeigt seinen Lehrer Seneca, feist und skeptisch, eine Marmorinschrift weist den jungen Nero als „Ersten der Jugendlichen“ aus, und eine wundervolle Wandmalerei aus Pompeji macht anschaulich, welche Schreibwerkzeuge damals zur Elementarausbildung eines jungen Adligen gehörten.

Unbestritten ist, wenn auch verdeckt von dem populären Bild des haltlosen Tyrannen Nero, dass die ersten fünf Jahre seiner Herrschaft allgemein einen guten Eindruck hinterließen.

  • © Dipartimento di Scienze dell’Antichità Brandschutt aus dem Sommer 64: Diese vom Feuer ramponierten Gefäße aus Keramik wurden bei Ausgrabungen westlich des Kolosseums gefunden.
  • © Dipartimento di Scienze dell’Antichità Brandschutt aus dem Sommer 64: Diese vom Feuer ramponierten Gefäße aus Bronze wurden bei Ausgrabungen westlich des Kolosseums gefunden.
  • © Dipartimento di Scienze dell’Antichità Als Rom verglühte: Reste eines eisernen Fenstergitters, das bei dem Großbrand im Juli 64 auf die Straße fiel und von herabfallendem Schutt begraben wurde.

Dass Nero auf das Feuer von Rom – in der Ausstellung mit spektakulären Exponaten wie die vor einigen Jahren bei Grabungen entdeckten, von Hitze und Druck verformten Gitterteile symbolisiert – durch zukunftsweisende Maßnahmen zum Brandschutz reagierte, widerspricht dem tradierten Bild vom kaiserlichen Brandstifter, der sich an den Flammen weidet und dazu noch die Leier spielt. Und auch der Wiederaufbau der Stadt, den Nero eifrig betrieb, wird hier anschaulich, nicht nur in Objekten, die aus verschiedenen Teilen seines neugebauten Palastes stammen, sondern auch in Wasserrohren aus Blei, die damals angefertigt wurden.

© F.A.Z. Das Feuer wütete vor allem in den dicht bebauten Senken. Die Stadt war anno 64 schon lange über die damals mehr als 400 Jahre alte Servianische Mauer hinausgewachsen.

Ein Raum der Ausstellung aber gilt dem Künstler Nero. Gezeigt werden mehrere zeitgenössische Musikinstrumente, etwa ein gewaltiges Horn aus Pompeji, Teile einer Wasserorgel oder auch kleine Flöten, daneben Theatermasken aus Marmor und ein hinreißender Sandsteinapoll mit Leier. Man wüsste gern mehr über den Künstler Nero und ob seine Darbietungen wirklich so miserabel waren, wie die Nachwelt annimmt. Als der Aufstand gegen ihn losbrach, soll ihn jedenfalls nichts so geschmerzt haben wie ein Pamphlet seiner Gegner, in dem sein Leierspiel verspottet wurde.

  • © DPA Dicker Hals und Backenbart: Neros Gesicht gehört zu den bekanntesten der Römerzeit.
  • DPA In drei Museen der Stadt sind insgesamt fast 800 Exponate aus der Zeit des römischen Kaisers zu sehen.

Nero - Kaiser, Künstler und Tyrann. Im Rheinischen Landesmuseum Trier bis zum 16. Oktober. Der Katalog, erschienen im Konrad Theiss Verlag, kostet 39,95 Euro. Zwei weitere Nero-Ausstellungsorte befinden sich im Museum am Dom und im Stadtmuseum Simeonstift.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 20.05.2016 16:47 Uhr