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Neo Rauch : Malerei ist eine herrschaftliche Geste

  • -Aktualisiert am

Vierzehn Bilder hat Neo Rauch für seine Ausstellung „para“ im New Yorker Metropolitan Museum of Art gemalt. In einem Rundgang durch die Schau erklärte er sie Jordan Mejias.

          Die Zeiten, in denen das Metropolitan Museum of Art nur die toten Meister ehrte, sind lange vorbei. Ein ganzer Flügel des Hauses ist der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts gewidmet, und neuerdings werden auch Künstler, die sich nach der naturgemäß riskanten Einschätzung der Museumsleitung in ihrer Karrieremitte befinden, zu Soloausstellungen eingeladen. Den Anfang machte vor zwei Jahren Tony Oursler, ihm folgte Kara Walker, und von heute an fällt das New Yorker Scheinwerferlicht auf Neo Rauch.

          Es ist eine große Ehre und eine vielleicht noch größere Herausforderung. Denn die Galerie, die das Metropolitan für die Präsentationen zur Verfügung stellt, ist ein weniger als drei Meter hoher, quadratischer, höchst überschaubarer Raum. Rauch steht nun in seiner Mitte und gibt offen zu, dass er sich von der räumlichen Vorgabe beengt fühlte. Er spricht von einer „sehr speziellen, wenn nicht gar problematischen Geometrie“. Um „einen Rhythmus auf die Wände zu bekommen“, hatte er ein Modell angefertigt und mit Farbkärtchen experimentiert: „Es war klar, dass die Formate, auf denen ich mich am wohlsten fühle, hier nicht hereinpassen würden.“

          Frei wachsende Phantasie

          Die Kabinettausstellung, wie er seine Metropolitan-Premiere mit dem Anflug eines Lächelns nennt, sei „kein ganz großer Auftritt“, aber das scheint ihn nicht weiter zu bekümmern. „Ich gehe davon aus, dass ein gutes Bild auch in einer Besenkammer seine Strahlkraft entfaltet.“ Vierzehn Werke zeigt er, die alle in den vergangenen Monaten entstanden sind. In einigen setzen sich die gedrückten Dimensionen der Galerie fort. Vor allem die großformatigen Gemälde gehen notgedrungen in die Breite, und eines davon, das eine Gruppe von Musikern hinter den Kulissen zeigt, wirkt fast wie eine Kritik der musealen Umgebung. Der Hornist im Vordergrund muss sich mächtig ducken, um überhaupt in den Rahmen zu passen.

          Diese formale Eingrenzung wollte Rauch nicht auch noch konzeptuell verschärfen. Er ließ vielmehr die Bilder, Szenen und Motive frei wachsen, wie sie sich seiner Phantasie darboten. Der Ausstellungstitel „para“, den es jetzt doch gibt, ist vage genug, um jede inhaltliche Fixierung zu vermeiden. Aber warum überhaupt ein Titel? „Es sind Spielereien, die ich gelegentlich anstelle. Sicher wäre es auch ohne Titel gegangen, aber diese Vorsilbe war plötzlich da, dieses Beinahe, dieses Als ob, diese Annäherung an einen Realzustand und das Zurückbleiben vor ihm. Ich hatte das Gefühl, das könnte man geradezu als Motto über meine ganze Arbeit stellen.“

          Dichterromantik und Alltagsfummel

          Für New York hat Rauch seine Gratwanderung zwischen Surrealismus, sozialistischem Realismus und poppigen Albtraumwelten nicht etwa mit einer amerikanischen Note versehen. Die soll ruhig der Rätselspezialist Matthew Barney zum Klingen bringen. Rauch bleibt mit seinen hintergründigen Dystopien für die deutsche Variante zuständig. So ganz hat er jedoch auch sujethalber nicht vergessen, wo er diesmal seine Arbeiten zeigt. Statt Wolkenkratzern gibt es zwar wieder mitteldeutsche Gemäuer, Dächer und Landschaften zu sehen, und auch die Kleidung seines Personals folgt europäischen Usancen, ob Dichterromantik oder Alltagsfummel der fünfziger Jahre.

          Rauch verschließt sich aber nicht völlig dem Angebot des Museums. Die englische Dandymode, die er bei seinem letzten Besuch in der Kostümabteilung zu sehen bekam, klingt in den tiefroten Jacketts seiner Musiker und Künstler weiter, und mit „Die Fuge“, dem Monumentalgemälde, das vor dem Eingang in die Galerie in einem hohen, lichten Saal hängt, bezieht er sich direkt auf Balthus' „La Montagne“, ein ebenso raumgreifendes Werk, das ein Stockwerk tiefer zu Hause ist.

          „Ich habe gern ausgefranste Ränder in der Zeit“

          „Es hat doch seinen Niederschlag auf meinen Leinwänden gefunden, was das Haus zu bieten hat“, gibt Rauch zu. „Ich habe langsam festgestellt, dass es ganz eigentümliche Bezugnahmen gibt zu diesem wundervollen Großformat von Balthus. Ich schwöre aber bei allem, was mir heilig ist, dass mir das nicht bewusst war während meiner Arbeit. Als ich vor einem Jahr hier war, habe ich das Bild wohl abgespeichert. Es ist einfach unterschwellig so gekommen, dass es einen Dialog gab. Dort wie auch hier haben wir diese Wunde in der Landschaft, wir haben einen vulkanähnlichen Berg.“

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