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Nachts im Museum : Unvorstellbar, hier zu schnarchen

  • -Aktualisiert am

Mit Rutschen aus Edelstahl, die er 2006 in die Turbinenhalle der Londoner Tate Modern einbaute, wurde er zu einem Star der Kunstwelt. Jetzt hat Carsten Höller das Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam zu einem Hotel umgerüstet.

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          Was würden Sie denken, wenn Sie durch die Altmeister-Sammlung eines ehrwürdigen Museums gingen, plötzlich ein Wärter auf Sie zuträte und fragte: „Möchten Sie ein Bad nehmen?“ Sie würden entweder tippen, Sie hätten sich verhört. Oder Sie müssten annehmen, Sie wären versehentlich in eine Ausstellung des Künstlers Tino Sehgal geraten, der ja bekanntermaßen das Museumspublikum mit merkwürdigen Fragen traktiert - derzeit etwa im New Yorker Guggenheim Museum, wo Teenager die Besucher mit der Frage überraschen, ob diese wüssten, was Fortschritt sei. Niemals aber kämen Sie auf die Idee, dass Sie nichts weiter als „ja, gerne“ zu sagen brauchen, um dann in den Keller geführt zu werden, wo eine Besuchertoilette zum Privatbadezimmer umgerüstet wurde. Sie können dort in eine Wanne steigen (eine himmelblaue Wanne auf Rollen des Designers Christoph Seyferth) und mit Blick auf sieben identische Waschbecken und vier identische Toilettenkabinen dann ein weltweit einzigartiges Bad genießen.

          Das alles ist kein Witz, auch kein Traum, sondern wirklich eine Ausstellung von Carsten Höller. In Deutschland kennt man den 1961 geborenen Künstler spätestens seit seiner Teilnahme an der Documenta X, als er mit Rosemarie Trockel das „Haus für Schweine und Menschen“ baute; zu einem internationalen Star wurde er 2006, als er die Turbinenhalle der Tate Modern mit Edelstahlrutschen ausstattete, auf denen man bis zu fünfundfünfzig Meter in die Tiefe sausen konnte.

          „Möchten Sie Eier zum Frühstück?“

          Das klingt zuerst einmal nach sehr unterschiedlichen Projekten, aber sie haben doch immer eines gemeinsam. Ein Stall, ein Haus, ein Museum wird von Höller durch ein paar wenige Eingriffe auf den Kopf gestellt: Zweckbauten für Tiere werden zum Ausstellunghaus umgerüstet, Museen zu futuristischen Spielplätzen - oder eben zu einem Hotel. In Rotterdam, im berühmten Museum Boijmans Van Beuningen, hat Höller für die Dauer der Ausstellung „Divided Divided“ einige Regeln erfunden, die ihm erlauben, Dinge und Ereignisse ins Museum zu holen, die eigentlich nicht ins Museum gehören: Museumsbesucher, die um Mitternacht baden zum Beispiel - oder riesige Pilzmodelle und lebende Kanarienvögel. Für die Museumswärter lautet die Regel, dass sie Anweisung haben, den Besucher wie einen Hotelgast zu behandeln. Bis zum Ende der Schau können sich jede Nacht zwei Besucher als Hotelgäste einbuchen: Bereit steht für sie der „Revolving Hotel Room“, ein von Höller entworfenes Minimalzimmer, das auf drei rotierenden Glasplatten installiert ist. Vor zwei Jahren gastierte der „Revolving Hotel Room“ im New Yorker Guggenheim Museum. Nun wurde er im Museum Boijmans Van Beuningen mit Blick auf den Innenhof aufgestellt.

          Jeden Abend beginnt sich nach Geisterart nun das Museum zu verwandeln. Die letzten Besucher verlassen kurz vor 17 Uhr die Säle, dann gehen die Mitarbeiter, die Türen, Gatter und Tore werden verschlossen, die Lichter gelöscht, nur der Raum des Wachpersonals leuchtet noch und die Überwachungsbildschirme. Das Haus liegt jetzt im Dunkeln. Ein kleines Schildchen klebt an einem Seiteneingang über der Klingel, es trägt eine Aufschrift, die sich nur allabendlich an maximal zwei Personen richtet: „Guests of the Revolving Hotel Room.“ Und wer diese Klingel drückt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Dass Museum Boijmans Van Beuningen hat wirklich alles: Rubens, Rembrandt, Bosch, Breughel ohnehin, außerdem einen modernen Flügel, in dem Wechselausstellungen gezeigt werden - aber auch Bademäntel, ein Doppelbett, eine Minibar, eine Kaffeemaschine, einen Home-Delivery-Service, eine himmelblaue Wanne, Handtücher und ein Mobiltelefon, mit dem man den Butler anrufen kann. „Möchten Sie Eier zum Frühstück?“, fragt der Sicherheitsmann, der an diesem Abend mein Butler sein wird. Und das ist von nun an die Art Gespräch, die ich mit dem Mann führe, der an einem normalen Tag während der Öffnungszeiten die Aufgabe hätte, mich darauf hinzuweisen, dass ich bitte nicht zu nah an die Bilder herantreten solle.

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