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Zum Tod von Gustav Peichl : Mit Spaß ernst machen

Der Karikaturist kritisiert, was der Architekt entwirft: Gustav Peichl (1928–2019). Bild: dpa

Der Wiener Architekt und Karikaturist Gustav Peichl ist gestorben. In seinen Bauten ahnt man das Echo griechischer Tempel und vorderasiatischer Städte, hängender Gärten, von Felsschluchten und Pyramiden. Ein Nachruf.

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          Eigentlich war in der Moderne die Rollenverteilung klar: Hier waren die Architekten, die nicht ohne Pathos gläserne Tempel für die neue Welt bauten – und dort die Karikaturisten, die sich im Namen der verlorengegangenen Gemütlichkeit über das Hehre und Große und Kalte und Reine und Weiße der neuen Bauwelt lustig machten. Es gab nur einen, der so formvollendet die Seiten wechseln konnte: den Österreicher Gustav Peichl.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Architekt war er in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts einer der bedeutendsten Vertreter seiner Zunft; als Karikaturist – unter dem Tarnnamen Ironimus – nahm er im Auftrag verschiedener österreichischer und deutscher Tageszeitungen alles auseinander, was die Gesellschaft seiner Zeit so an Dingen und Undingen produzierte, Architektur eingeschlossen. Da gibt es ein berühmtes Blatt, auf der man zwei Häuser sieht: links ein halb von Efeu überwuchertes, leicht windschiefes Reihenhaus mit Schindeldach und Loggia, vor dem sich ein grünes Chaos aus Salatköpfen und Rankpflanzen ausbreitet.

          Der Bewohner steht ebenso lässig-chaotisch herum wie seine Behausung und schaut amüsiert nach rechts, wo ein quadratischer Neubau errichtet wurde, deren Bewohner – Kopffüßler mit quadratischen Schädeln – so aussehen, als habe das Haus sie zu stapelbaren Objekten zurechtgepresst.

          Mit solchen Blättern machte sich der 1928 in Wien geborene Architekt unter dogmatischeren Kollegen nicht nur Freunde. Gleichzeitig kann man die Karikatur als eine Art Warnschuss betrachten, die die österreichische Architekturszene darauf vorbereitete, was bald mit Peichl und Hans Hollein kommen sollte und was immer wieder etwas schief als „postmodern“ beschrieben wurde. Eher kann man es als eine Rückkehr jenes großen theatralischen Wiener Auftritts und Pomps lesen, der die Stadt seit dem Barock ausmachte und den man sich nach 1945 im Namen moderner Bescheidenheit und Kühle gründlich aus dem Rock geklopft hatte, aber insgeheim doch vermisste.

          Peichl hatte nach dem Krieg Architektur in Wien studiert, als Meisterschüler von Clemens Holzmeister, der auf seine Weise schon die kühle, reine Moderne mit antikisierenden Würdeformeln aufrüstete; man kann seinen Einfluss noch in Peichls späteren Werken erkennen, als er etwa 1991 dem Neorenaissancebau des Frankfurter Städel, einen monolithischen hellen, gleichzeitig fast altägyptisch monumentalen Steinkubus anfügte.

          1955 eröffnete Peichl ein eigenes Architekturbüro – und arbeitete nebenher weiter als Karikaturist und Zeichner. In gewisser Weise hatte beides auch miteinander zu tun, und zwar nicht nur in dem Sinne, dass das eine die Kritik des anderen war oder, wie Peichl selbst einmal über seine Karikaturen sagte, eine Art Ventil, das ihm den Psychiater ersetze. In gewisser Weise ist der Strich, mit dem Peichl das Vermurkste der Realität aufs Papier brachte, dem sehr ähnlich, mit dem er schöne Welten entwarf.

          Das zeichnerische Ertasten von Form, das Erlaufen des Baus mit der Hand auf dem Papier, die das Verhältnis von Leerflächen und Öffnungen, Durchdringungen und Schließungen zu bestimmen versucht, findet sich in fast all seinen Zeichnungen, in den ersten Skizzen für den IBA-Wohnbau in Berlin-Tegel von 1984 und auch in den ersten Zeichnungen für die von 1984 bis 1992 gebaute Bundeskunsthalle Bonn, aus denen sich schnell der schwebende, aus der Stadt aufs Dach gehobene Skulpturen- und Lustgarten herausschält: Der Karikaturist Peichl malt da dem gebauten Monolithen, den der Architekt mit großem Theaterdonner, Himmelstreppen und babylonischen Zikkuraten inszenierte, oben ein paar spitze Nasen aufs Dach, über die die Architekturgeschichte seitdem rätselt: Sind das Spitztüten, Bleistiftspitzen, Hütchen, Zelte, Minarette, Stacheln eines Tieres, das sich zu verteidigen weiß?

          Und die sechs ORF-Landesstudios, mit denen er 1969 berühmt wurde und deren Entlüftungrohre wie die Schornsteine eines Dampfers aussehen und deren Eingang über eine veritable Gangway führte: Waren das Steamboats, mit denen man durch Radiowellen gleiten sollte?

          Jenseits dieser „postmodern“ genannten Späße und Referenzen aber schimmerte bei Peichl immer ein Ernst durch, den man nicht übersehen darf. Man ahnt in seinen Bauten das Echo griechischer Tempel und vorderasiatischer Städte, hängender Gärten, von Felsschluchten und Pyramiden. Was er wieder ans Licht holte, war ein Wissen, das in der Hochphase des Funktionalismus über Bord zu gehen drohte – ein Gefühl für Proportionen, Rhythmen und die Formen der Baugeschichte. Am 17. November ist Gustav Peichl in Wien gestorben.

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