https://www.faz.net/-gqz-8xxvf

Maler Johannes Grützke : Ich bin der Kontrast

  • -Aktualisiert am

Er war einer der produktivsten Widerspruchsgeister des Landes, ein Außenseiter, der mit seinem Theater des Fleisches ergötzte, narrte, nervte und schockierte: Zum Tod des Malers Johannes Grützke.

          6 Min.

          Der Berliner Maler Johannes Grützke, Jahrgang 1937, war ein entschiedener Einzelgänger, ein vitaler, vielfach spöttischer Außenseiter in der europäischen Nachkriegskunst, der sein rauschhaftes Leben keiner Idee unterwerfen wollte. Seine Malerei, aber auch seine öffentlichen Auftritte waren stets ein Protest gegen alle Fortschrittsmythen, Zielsetzungen und Gruppenreglements, die die Kunst in den letzten Jahrzehnten zunehmend erstarren ließen und ihre Weiterentwicklung hemmten. Grützke fühlte sich in seinen letzten Jahren immer mehr zu den Engländern hingezogen, die, wie er, ihre autodidaktische Meisterschaft nicht aus einer Theorie, sondern aus ihrem Individualismus und aus ihrem Leben zogen. So widmete Grützke Lucian Freud bei dessen Tod 2011 ein emphatisches Gedenkblatt in dieser Zeitung.

          Unabweisbar war die Mentalitätsverwandtschaft mit ostdeutschen, vor allem den Leipziger Malern oder mit dem Ostberliner Harald Metzkes, den Grützke noch 2015 in seinem Atelier am Rand von Berlin besuchte. Mit diesen Künstlern teilte der Westberliner den Glauben an einen Kreislauf der Geschichte, an die Wiederkehr und Verspiegelung des Gleichen, aber auch an den Scheincharakter der Wirklichkeit, vom Leben als Bühne und Rollenspiel des Menschen. Grützke lebte diese Theatralisierung auf exzessive Weise aus. Sie eröffnete ihm die Möglichkeit ungezwungener und lustvoller Selbstdarstellung. Er war der Regisseur und zugleich Hauptdarsteller seines Theaters in zahllosen Ausdrucksvarianten, Rollenmutationen, Vexierbildern und Maskeraden, mit denen er sein Publikum überraschte, ergötzte, narrte, nervte und auch schockierte. Seine Bildwelt wurde zum Spiegelkabinett seines Maler-Ego. Vor allem im Frühwerk war die Ego-Exzentrik das beherrschende Thema, der existentielle Nerv seines Schaffens. Gleichzeitig aber drängte es ihn paradoxerweise auch zur Gruppe und zur Analyse des konformistischen Mechanismus der Gesellschaft, wobei er seine Mitmenschen vor allem als Vervielfachung und Verstärkung des eigenen Ich verstand.

          Bissige Einsprüche und Distanzierungen

          Der junge Grützke, der an der Westberliner Akademie studiert hatte, aber später nie an sie, wohl aber an die Nürnberger Hochschule berufen wurde, war mit seinem Narzissmus in mancher Hinsicht ein typischer Vertreter seiner Generation, der revoltierenden Achtundsechziger. Das schließt bissige Einsprüche und Distanzierungen nicht aus. Grützke teilte keineswegs die ideologischen und gesellschaftsverändernden Antriebe seiner Generation. Doch zerrte er, kaum weniger ungestüm, an Hierarchien und Werteordnungen. Der junge Maler beobachtete und verarbeitete fasziniert die Solidarisierungen, das Erproben neuer Lebensformen, die Single-Kultur und das zwanghafte neue Gruppenverhalten, die sexuelle Freizügigkeit und die neue sexuelle Verkrampfung, die ideologischen Verrenkungen und kollektiven Neurosen, die Anarchie und das Ritual der Proteste und Demonstrationen. Bis zum Exhibitionismus reizt er das in seiner Malerei aus. Sein Idiom ist die Körpersprache. Die psychische Mechanik und das Triebleben mit seinen Konfusionen stellt er in einem Theater des Fleisches dar.

          Weitere Themen

          «Gabriel» von George Sand Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung : «Gabriel» von George Sand

          Jella Haase, bekannt aus „Fack ju Göhte“ und „Berlin Alexanderplatz“, entdeckt unter der Regie der jungen Regisseurin Laura Laabs die Abgründe des kapitalistischen Systems und das anarchistische Wesen des weiblichen Geschlechts in einem bislang noch nicht uraufgeführten Text der französischen Schriftstellerin George Sand.

          Topmeldungen

          Das Coronavirus brachte die Aktienmärkte durcheinander. Wie geht es im nächsten Jahr weiter?

          Chancen am Aktienmarkt 2021 : Alles Corona oder was?

          Für Reise- und Luftfahrt-Titel brauchen Anleger gute Nerven, die Pharmabranche ist einen Blick wert. Was sind die Chancen für das Jahr 2021? Wir geben den Überblick in einer neuen Serie zur Geldanlage.

          Am Tag des Corona-Gipfels : RKI meldet Rekordzahl an Todesfällen

          Zum ersten Mal starben an einem Tag mehr als 400 mit dem Coronavirus infizierte Menschen in Deutschland. Auch die Zahl der Neuinfektionen ist weiterhin ein Anlass zur Sorge. Heute wollen Bund und Länder sich auf neue Maßnahmen einigen.
          Mit dem Zeltlager am Platz der Republik in Paris wollte ein Flüchtlingshilfeverein am Montag auf die ungelöste Unterbringungsfrage für Asylbewerber und illegal eingereiste Migranten aufmerksam machen.

          Abgelehnte Asylbewerber : Letzte Hoffnung Frankreich

          Viele in Deutschland und anderen EU-Staaten abgelehnte Asylbewerber fliehen nach Frankreich. Hier werden die Anträge weniger streng geprüft. Die französische Migrationsbehörde sieht sich als Opfer der europäischen Asylpolitik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.