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Georg Kolbe : Abgründe eines Staatsbildhauers

„Gottbegnadeter“, Lebemann, immer gut im Geschäft: Georg Kolbe um 1945 in seinem Atelier. Bild: Picture-Alliance

Das Georg-Kolbe- Museum sichtet den Nachlass von Kolbes Enkelin: Er könnte Licht bringen in die erstaunliche Karriere eines republikanischen Künstlers im Nationalsozialismus.

          6 Min.

          Am 15. April 1945 beschreibt Georg Kolbe in einem Wochenkalender seine Stimmung angesichts des bevorstehenden Kriegsendes in Berlin: „Augen schlecht / Befinden mager / Wetter schön / In Erwartung“. Zehn Tage später wird die Erwartung erfüllt: „Die Russen besetzen unser Wohnviertel. 20-30 Mann sind im Haus.“ Sie hinterlassen „unsagbare Verwüstung“, ehe sie in Richtung Stadtzentrum abrücken, doch Kolbes Atelier- und Wohnhaus bleibt, wie er notiert, „weiter inmitten des Panzerfeuers. Ringsum die Hölle. Wetter kalt u. Sonne.“ Endlich, am 5. Mai, ist der Spuk vorbei: „Der Bunker wird erstmalig wieder als Schlafraum aufgegeben. Dreck von der Straße bringen – eine sehr harte Arbeit – wird viele Tage brauchen.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Kolbes Notizen aus dem Frühjahr 1945 stehen in einem kleinen Notizbuch mit braunem Umschlag, das in jede Jackentasche passt. Zusammen mit einem Dutzend weiterer Taschenkalender steckte es in einer der 108 Umzugskisten aus Kanada, die das Berliner Georg-Kolbe-Museum in der vorletzten Woche empfangen hat. Die Kisten enthalten den Nachlass von Kolbes Enkelin Maria von Tiesenhausen, die im vergangenen Sommer neunzigjährig in Vancouver gestorben ist, siebzig Jahre nach der Gründung der Kolbe-Stiftung, welche das Museum in Kolbes ehemaligem Atelierhaus an der Sensburger Allee im Berliner Westend betreibt.

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