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„Meine liebste Ausstellung“ : Wandelnde Künstlerohren in Serie

  • -Aktualisiert am

Der Nachkriegskünstler Francis Bacon veränderte und stilisierte die Kunstwerke von Legenden wie Van Gogh. Hier zu sehen ist Triptych, Huile sur toile. Bild: The Estate of Francis Bacon

Da zeigten Werke ersten Ranges, wie sich die Nachkriegskunst mit der klassischen Moderne verknüpft: „La grande parade“ im Amsterdamer Stedelijk Museum im Jahr 1984.

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          Es muss kurz vor den Weihnachtsferien 1984 gewesen sein, als mich mein Kunstlehrer fragte, ob ich mit ihm nach Amsterdam fahren wolle: Es gäbe dort eine Ausstellung, die ich so sicherlich nicht mehr zu sehen bekommen würde. Kurzentschlossen sagte ich zu. Heute weiß ich, dass er recht hatte. Und mehr noch, dass die Fahrt zum Stedelijk Museum zu einer Initiationsreise wurde, die mich auf einen Weg brachte, der unumkehrbar wurde.

          Von dem Anlass der Ausstellung hatte ich sicherlich zuvor keine Ahnung: Es war die letzte Schau und damit die Schlussvorstellung, mit der sich der scheidende Direktor des Stedelijk Museums nach mehr als zwanzig Jahren aus seinem Amt verabschiedete. Dessen Namen, Edy de Wilde, hatte ich, als damals siebzehnjähriger Schüler, vermutlich nie zuvor gehört. Doch was sich als große Parade der Malerei dort vor meinen Augen auftat, habe ich bis heute nicht vergessen. Hier waren sie alle versammelt, die Heroen der Malerei aus gut vierzig Jahren: „Höhepunkte der Malerei seit 1940“ hieß die Ausstellung im Untertitel und zu Recht.

          Unvergessen bis heute sind die drei Leinwände aus der Serie „Studies for Portrait of Van Gogh“ (1957) von Francis Bacon, eine Reihe von Paraphrasen Bacons nach dem im Zweiten Weltkrieg verbrannten Selbstbildnis van Goghs auf der Straße nach Tarascon. Das war die Brücke von der klassischen Moderne in die Nachkriegskunst. Und so ging es weiter: Die Werke von Barnett Newman, Marc Rothko, Sol LeWitt, Jan Dibbets und Brice Marden waren eingebunden und wurden präsentiert als logische Konsequenz aus der Malerei Bonnards, Légers, Beckmanns und Picassos. Und wie bei der großen Parade im Zirkus vor dem Ende der Vorstellung reihten sich die Artisten und ihre Werke zu einem überwältigenden Reigen.

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          Nicht perfekt und unvollendet

          Dazu waren die Gemälde aller vertretenen Künstler – von Karel Appel bis Cy Twombly – in Werkgruppen vertreten, kein einziges Bild stand allein. So wie die Bilder eines jeden Künstlers im Dialog zu denen von Vorläufern, Zeitgenossen oder Nachfolgern gesetzt waren, so war jedes einzelne Meisterwerk als Teil einer Werkgruppe inszeniert: Georges Braque zerlegte den Billardtisch nicht einmal, sondern in drei Varianten aus den Jahren 1944, 1945 und 1949. Francis Bacon eignete sich die Tragik des einsamen Malers auf der Straße nach Tarascon nicht nur einmal an, sondern deklinierte sie in drei Fassungen, und Piet Mondrian war nicht nur mit einem der kühl und perfektionistisch wirkenden Werke aus der „Alten Welt“ vertreten, sondern auch mit den rhythmischen Varianten im Stil des „Broadway Boogie Woogie“ aus seinen letzten, New Yorker Jahren. Besonders das unvollendete und wunderbar unperfekte, mit Klebeband und Heftzwecken improvisierte und dadurch zögerlich tastend wirkende Bild „New York City 2“ (heute im San Francisco Museum of Modern Art) hat mich nachhaltig irritiert und fasziniert.

          Ein Werk schien somit das andere zu erklären. Und ich fühlte mich in der Amsterdamer Ausstellung in etwa wie Joan Mirós „Kleine Blonde im Park der Attraktionen“ von 1950. Manche der damals ausgestellten Bilder habe ich seither nicht wiedergesehen (wie Bacons Van-Gogh-Zyklus). Die Ortsnamen aus Anselm Kiefers großem Deutschlandbild „Märkischer Sand“ las ich in Amsterdam, lange bevor ich selbst nach Oranienburg, Königs Wusterhausen oder Neuruppin reisen konnte.

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          Dem Werk mancher Maler bin ich seither nie wieder in ähnlich konzentrierter Auswahl und geballter Qualität begegnet: Barnett Newman, vertreten mit: „Who’s afraid of Red, Yellow and Blue“, „Jericho“, „Chartres“ und „Cathedra“ – was braucht es mehr? Auch die Bilder Jean Dubuffets erinnere ich in keiner stärkeren Auswahl. Manche Gemälde, die längst zur Sammlung des Stedelijk Museums gehören, habe ich auch hier bei späteren Besuchen nicht wiedergesehen.

          Und es gab noch eine Abteilung, die ihre Spuren hinterlassen hat: In einer Zwischenetage des Museums waren die Künstler der ausgestellten Werke in fotografischen Porträts zu entdecken. Die niederländische Vokabel „Kunstenaars-portretten“ als Titel der Kabinettschau hat sich mir bis heute eingeprägt. Hier konnte ich den Malerfürsten der Moderne ins Gesicht sehen: Henri Matisse, gesehen von Gisèle Freund, oder Alberto Giacometti in dem berühmten Foto von Henri Cartier-Bresson.

          „La grande parade“ wurde mir zum Kanon. Aus heutiger Sicht wäre die heroische Feier ausschließlich westlicher Malerei sicher zu kritisieren. Nicht eine Malerin war in der Ausstellung vertreten, was heute undenkbar wäre. In zehn Jahren Verantwortung für das Paula Modersohn-Becker Museum konnte ich das Manko für mich ausgleichen. Die Begeisterung für die Malerei – und Fotografie – ist bis heute geblieben.

          Der Autor ist Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg.

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