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Mythos Bayern : Spannens amal 2 Löwen vor einen Bierwagen an

Heimatabend mit Goldrand: Das Münchner Stadtmuseum sucht den „Mythos Bayern“ mit Hilfe von Isarflößern, Schafkopfen und Bauerntheater. Das Ergebnis ist ein bajuwarischer Ausstellungswurstsalat.

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          "Bayern ist vielleicht das einzige deutsche Land, dem es durch seine materielle Bedeutung, durch die bestimmt ausgeprägte Stammeseigentümlichkeit und die Begabung seiner Herrscher gelungen ist, ein wirkliches und in sich selbst befriedigtes Nationalgefühl auszubilden."

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Gut gebrüllt! Als Otto von Bismarck diese Charakterisierung seinem preußischen Gesandten 1865 in einem Erlaß zukommen ließ, war Bayern zwar ein künstlich zusammengesetztes Staatsgebilde, aber das In-sich-Befriedigte gehörte längst zu jener kulturellen Humusschicht, aus der heraus sich jener Mythos Bayern entwickelt hatte, der heute noch weltweit als Exportschlager verramscht, verlacht und angebetet wird.

          Abgenutzte Münze

          Das Münchner Stadtmuseum hat sich nun aufgemacht, diesen Mythos zu erkunden, wohl wissend, wie sein Direktor Wolfgang Till einräumt, daß der Titel der Schau nach einer "abgenutzten Münze" aussieht. Eine Beschreibung, die in gewisser Weise auch auf sein Haus zutrifft, denn Jahr um Jahr beweisen Stadtspitze und Kulturreferat, daß sie mit dem unglücklichen Zwitter am Jakobsplatz nichts rechtes anzufangen wissen.

          Kurz nach ihrem Amtsantritt kündigte die Kulturreferentin Verbesserungen für das Haus an, aber nicht etwa in Form von Geld, sondern zunächst in Form eines internationalen Symposions. Baulich getan hat sich nichts; die Stadt hat kein Geld, aber doch soviel Chuzpe, die Museumsleitung an der kurzen Leine zu halten. Die Schatzkammern des Hauses zu überblicken ist schon Titanenwerk, eine elektronische Erfassung fehlt bis heute. Und so hat Helmut Bauer als Ausstellungsmacher aus der Not eine Tugend gemacht und sich auf die Fiktion zurückgezogen, der Gang durch die Schau solle dem Stöbern auf einem verstaubten Speicher ähneln.

          Zuviel und zuwenig

          Das Ergebnis ist in sich unbefriedigt. Denn die Ausstellung will mit ihren annähernd tausend Objekten gleichzeitig zuviel und zuwenig. Zuviel, weil sie sich verzettelt in der schieren Masse, weil sie an einer Atomisierung jenes Bildes arbeitet, das sie eigentlich wiedergeben will. Tausend Fundstücke werden ausgelegt, damit sich jeder sein eigenes Mythenbildchen schnitzen könne? Das ist freilich arg viel Liberalitas. Die Ausstellung will zweitens zu wenig, weil sie das Thema in weiten Teilen verfehlt, beziehungsweise weiträumig umschifft.

          Der Ausgangspunkt ist kein geringerer als der Turm von St. Peter, gemeinhin als der "Alte Peter" bekannt. Blickrichtung Süden: Dort liegt das gelobte Land, jedenfalls was der Münchner traditionell dafür hält. Daß dieses "Tortenstück" (Helmut Bauer) - die Rede ist vom Oberland, im Osten von Traunstein, im Westen von Garmisch begrenzt - tatsächlich viel mythenbildendes hervorgebracht hat, ist unbestritten; daß dieser Landstrich Bayern allein wiederspiegelt, eine Fehlannahme. Da wird man auf die große Bayernausstellung des Stadtmuseums verwiesen, die freilich schon zweiunddreißig Jahre zurückliegt.

          Ein Ausschnitt von hundertfünfzig Jahren

          Gezeigt wird nun recht eigentlich ein Ausschnitt aus der mehr als tausendjährigen Geschichte der Bajuwaren - nämlich rund hundertfünfzig Jahre von 1806 an, als Bayern Königreich wurde, bis in die fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts hinein, als der Heimatfilm die letzten Klischees totritt. Das Königshaus spielt deswegen eine große Rolle: Die Wittelsbacher hatten enormes Interesse, das Stammesgefühl zu befördern.

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