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Museumsstreit : Dürers Pelz - ein Stück Beutekunst?

Das letzte Werk ist verloren

Kurz vor 1800 nun gab der Rat eine Kopie des Bildes in Auftrag - bei ebenjenem Abraham Küfner, der später als Verkäufer firmierte. Dahinter stand nicht, wie sonst, die Absicht, ein Duplikat herzustellen, um das Original zu Geld zu machen; vielmehr ging es offenbar darum, das Werk vor seinen Liebhabern zu schützen. Denn als im Jahr 1801 abermals die Franzosen vor der Tür standen und das „Selbstbildnis im Pelzrock“ für den Louvre forderten, bekamen sie die Kopie. Aber das echte Bild kehrte dennoch nicht wieder ins Rathaus zurück. Denn inzwischen war die einst so stolze Freie Reichsstadt zur Figur auf dem Schachbrett der europäischen Staaten geworden.

Im Reichsdeputationshauptschluss von 1803, der vor allem die Verteilung des säkularisierten Kirchenbesitzes regelte, war ihr Umland stillschweigend den bayerischen und preußischen Anrainern überlassen worden. Mit der Rheinbundakte vom Juli 1806 schließlich kommt das wehrlose Nürnberg in den Besitz des neu geschaffenen Königreichs Bayern. Proteste des Rats bleiben folgenlos.

In diesem Tohuwabohu der Mächte hat die Stadt ihr letztes großes Dürer-Werk für immer verloren. Der Kopist Küfner nämlich gab das „Selbstbildnis im Pelzrock“ nicht wieder an den Rat zurück. Statt dessen suchte er sich in dem Gerichtskonsulenten Petz einen Mann mit Verbindungen zum Münchner Hof, der den Verkauf einfädeln konnte. Von den sechshundert Gulden, die ordentlich quittiert wurden, hat der Nürnberger Rat nie einen Heller gesehen. Als das Gemälde übergeben wurde, war das Ende der Freien Reichsstadt längst beschlossen, an ihren Zufahrtsstraßen patrouillierte französische Infanterie. Nach heutigen Begriffen handelt es sich bei dem „Selbstbildnis“ um Beutekunst.

Kein Bild und keine Besucher

In Bayern gab es damals durchaus ein Bewusstsein für das Unrecht, das der Stadt Nürnberg zugefügt worden war. Johann Georg von Dillis, der Kunstberater Ludwigs I. und Initiator der Alten Pinakothek, weilte damals gerade in Italien; in einem Brief an den Königs erklärte er salvatorisch, „ein Privatmann“ habe in seiner Abwesenheit das Bild erworben und ins Schloss Schleißheim gebracht. Wie jedes schlechte Gewissen löste sich auch dieses irgendwann in den Fluten der Geschichte auf. Heute verfügt die Pinakothek über Dürers Werk, als hätte sie es schon immer besessen.

Es ist wahr, dass der internationale Museumsbetrieb mit seinen immer prächtigeren, immer schriller beworbenen Event-Ausstellungen ein Karussell der Ausleihen in Gang gesetzt hat, gegen das sich die großen Sammlungen mit Sperrlisten zur Wehr setzen. Und es stimmt auch, dass Kuratoren nicht von Politikern gesagt bekommen dürfen, ob ihre Bestände transportfähig sind oder nicht. Aber darum geht es bei der Querele zwischen München und Nürnberg nicht. Hier geht es darum, ob ein Bild für ein paar Monate in die Stadt zurückkehren darf, in die es eigentlich gehört. Wäre das „Selbstbildnis im Pelzrock“ in keiner Weise transportabel, hätte die Pinakothek nie mit dem Germanischen Nationalmuseum darüber verhandeln dürfen. Da sie es dennoch getan, die Ausleihe dann aber abgelehnt hat, darf man ein anderes, ebenso legitimes Hauptinteresse bei ihr vermuten: Sie fürchtet einen Rückgang ihrer Besucherzahlen.

Von Kulturpolitik und Gerechtigkeit

Diese Befürchtung aber darf die Politik verwerfen. Die Zusammenführung von Albrecht Dürers Frühwerk am Ort seiner Entstehung ist allemal höher zu bewerten als der Kassenstand der Münchner Staatsgemäldesammlungen. Dass die Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister Dürers „Sieben Schmerzen Mariae“ nicht nach Nürnberg ausleiht - und damit einen konservatorischen Radikalismus beweist, den sie bei der Entleihung der hochempfindlichen raffaelschen „Madonna von Foligno“ aus dem Vatikan für ihre Ausstellung „Himmlischer Glanz“ im vergangenen Jahr ebenso radikal ignoriert hat -, steht auf einem anderen Blatt. In Dresden hat die bayerische Landesregierung nichts zu melden, dem Kulturföderalismus sei Dank.

Es gibt eine Wahrheit der Museen, und es gibt eine Wahrheit der Geschichte. Dort, wo sich beide kreuzen, stehen die großen Werke der Kunst. Die Kuratoren müssen für ihre bestmögliche Erhaltung sorgen. Kulturpolitik dagegen muss dafür sorgen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ war Jahrhunderte lang in Nürnberg zu Hause. Deshalb ist es gerecht, dass es dorthin zurückkehrt. Wenigstens für kurze Zeit.

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