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Museumskrach : Frankfurter Einfalt

  • -Aktualisiert am

Wenn zwei Arten in dieselbe Nische drängen, kann das auf Kosten von einer gehen, zumal in einem System mit endlichen Ressourcen wie Frankfurt: In der Frankfurter Museumslandschaft kracht es - und die Stadt schaut dabei zu.

          In der Frankfurter Museumslandschaft kracht es wie schon lange nicht mehr. Was ist passiert? Fangen wir in der Sammlung des Museums für Moderne Kunst (MMK) an. Deren derzeitiger Leiter Udo Kittelmann geht im November 2008 nach Berlin, er wird neuer Direktor der Nationalgalerie, was für Frankfurt ein Verlust ist. Denn in nur knapp sieben Jahren schaffte Udo Kittelmann, was eigentlich für ausgeschlossen galt, nachdem das Haus als Spätfolge von Jean-Christophe Ammanns Amtszeit einen Verlust von fünfhundert Werken verkraften musste – die hatte der Immobilienhändler Dieter Bock erst wertsteigernd im Museum eingelagert und dann wieder abtransportiert.

          Unter anderer Leitung hätte ein Haus an so einem Verlust zugrunde gehen können. Mit Spürsinn und Geschick erwarb Udo Kittelmann jedoch in den Jahren seit 2002 über zweihundert Werke, darunter Arbeiten von Peter Roehr, Thomas Bayrle oder auch Douglas Gordon. Wer noch immer den Untergang der „Ismen“ und die angebliche Orientierungslosigkeit beklagt, wird sich hier die Augen reiben: Die Sammlung schlägt eine saubere Schneise durch die Kunstgeschichte, es ist die Chronik, wie Installation und Performance den Museumsraum zurückeroberten.

          Knacken im Gebälk

          Soweit sieht die Lage eigentlich gut aus – wenn die Ereignisse der letzten fünf Monate nicht einen anderen Lauf genommen hätten. Im Dezember 2007 wurde nämlich bekannt, dass Udo Kittelmann nach Berlin gehen würde (siehe: Frankfurter Museumschef wird Direktor der Berliner Nationalgalerie). Zum ersten Mal knackte es vernehmlich im Gebälk, als das Städel, Frankfurts traditionsreiche Gemäldegalerie, im Februar die Sieger des Architekturwettbewerbs für den Erweiterungsbau vorstellten: Dreieinhalbtausend Quadrameter Ausstellungsfläche, ausschließlich für zeitgenössische Kunst (siehe: ). Kritik, das Städel solle sich auf historische Kunst konzentrieren und die Gegenwart dem 1991 eigens dafür gegründeten MMK überlassen, weist Max Hollein, Leiter von Städel, Liebieghaus und Schirn, mit Verweis auf die hauseigenen Statuten zurück: Der Sammlungsauftrag des Städels schließe ausdrücklich Gegenwartskunst mit ein. Das ist nicht von der Hand zu weisen, aber die Spannungen stiegen.

          Einen Monat später krachte es: Die DZ-Bank überließ die Hälfte ihrer fotografischen Sammlung dem Städel (siehe: ). Fotografie aber wurde bis dahin vor allem am MMK gesammelt. Wie ein Echo folgte dann die Bekanntgabe der Neuerwerbungen: Arbeiten von Peter Roehr und Thomas Bayrle, alles Künstler, von denen das MMK bereits umfangreich Werkgruppen besitzt. Damit war klar: Das Städel folgt nicht nur dem festgeschriebenen Sammlungsauftrag, es dringt auch massiv auf das bisher vom MMK beackerte Terrain vor.

          Strapazierte Vielfalt

          Der große Knall folgte schließlich in dieser Woche. Die Veranstalter einer Podiumsdiskussion hatten zum Thema „Moderne Kunst für alle?! Museumspolitik in Frankfurt – Probleme und Perspektiven“ geladen. Es wäre eine Chance gewesen, darüber zu diskutieren, wie Sammlungspolitik in den Frankfurter Häuser künftig abgestimmt werden soll. Als Vertreter der Frankfurter Kunstinstitutionen saßen allerdings auf dem Podium nur Max Hollein und Daniel Birnbaum, der Leiter von Städelschule und Portikus. Kulturdezernent Felix Semmelroth schwärmte von der Frankfurter Museumslandschaft – dass weder Udo Kittelmann noch Chus Martínez vom Kunstverein geladen worden waren, überging er wortlos. Der Begriff, der an diesem Abend am häufigsten fiel, war Vielfalt. Vielfalt der Kunst, Vielfalt der Museen, Vielfalt der Ausstellungen.

          Es war Chus Martínez, die sich – wie zuvor Udo Kittelmann – aus dem Publikum meldete und in einem glänzenden Plädoyer nachfragte, was denn mit Vielfalt gemeint sei? Die Metapher, die ja aus der Biologie stammt, verdient es, tatsächlich einmal ernst genommen zu werden. „Die Konkurrenz zwischen Arten“, lesen wir in Charles Darwins „Entstehung der Arten“ von 1859, „die im Naturhaushalt denselben Platz einnehmen ist am härtesten“. Anders gesagt: Vielfalt hängt von Umweltbedingungen ab. Wenn zwei Arten in dieselbe Nische drängen, kann das auf Kosten von einer gehen, zumal in einem System mit endlichen Ressourcen wie Frankfurt.

          Die Lösung lautet hier wie dort: Spezialisierung. Die Voraussetzung dafür bringen beide Häuser mit. Das MMK verfügt mit seiner Sammlung über eine junge, stark raumbezogene Kunst; die Städel-Sammlung wächst dagegen aus der Malereitradition, mit Blick auf die Fotografie würde sich hier zum Beispiel ein historischer Schwerpunkt anbieten – bisher besitzt Frankfurt keine solche Sammlung. Max Hollein wird man keinen Vorwurf daraus machen können, dass er die Interessen seines Hauses vertritt, seit Jahren mit glänzendem Erfolg. Eine Stadt aber, die das MMK in einer Zeit allein lässt, in der noch immer völlig offen ist, wer das Haus leiten wird, verspielt fahrlässig die Zukunft einer hervorragend aufgestellten Institution. Für die Frankfurter Vielfalt bietet die Natur im übrigen auch ein Vorbild: Nicht Konkurrenz, sondern Symbiose.

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