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Museumsinsel : Nofretetes Vorhut

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Antike Pretiosen rings um die Statue des Betenden Knaben: Genau einhundertfünfundsiebzig Jahre nach der Einweihung des Alten Museums in Berlin wird das Jubiläum mit einer Ausstellung gefeiert.

          Um 1830, als gegenüber dem Berliner Stadtschloß Schinkels Museum am Lustgarten zur „Freistätte für Kunst und Wissenschaft“ geweiht wurde, kannte jeder gebildete Deutsche dessen Hauptschmuck, die antike Bronzestatue des Betenden Knaben.

          Gefeiert hatte man sie seit dem frühen sechzehnten Jahrhundert, als sie, ausgegraben auf Rhodos, nach Venedig gelangt war. Der ganz große Ruhm aber kam, als Friedrich der Große sie 1747 für sein Schloß Sanssouci erwarb. Jedermann schwärmte seither von der klassischen Schönheit der Figur. Nur Hämische - aber deren waren viele - munkelten, daß der Schöne den homoerotischen Neigungen des Preußenkönigs zupaß gekommen sei.

          Offiziell aber ging es - zum Beispiel auch Goethe, der eine Replik für das Foyer seines Hauses in Weimar kaufte - um die unvergleichliche Anmut des Epheben, die Natürlichkeit, in der Stand- und Spielbein wiedergegeben sind, die unbewußte und unbefangene Eleganz, in der er die Arme zu einer gleichermaßen flehenden wie lobenden Geste erhebt, die weich fließenden Formen des nackten Körpers, die konzentrierten Züge, um die, kaum merklich, ein bittendes Lächeln zu schweben scheint. Würdig und liebreizend zugleich, galt er als „schönste Bronze der Antike“.

          „Süßlich“ und „lasziv“

          Erst das Desillusionismen liebende zwanzigste Jahrhundert urteilte nüchterner. Nun fielen Worte wie „süßlich“, „lasziv“ und „verweichlicht“. Angelastet wurde dem Knaben auch, daß seine namensgebende Gebärde nicht antik ist, sondern eine Zutat der Neuzeit, die, erschlossen einzig aus Rumpfstücken an beiden Schultern, freischöpferisch die abgebrochenen Arme zu denen eines Beters ergänzte.

          Eine gründliche Restaurierung und Untersuchung brachte 1997 die Rehabilitierung. Nun ist die knapp unterlebensgroße Bronzestatue als ein frühhellenistisches Original gesichert und als ein um 300 vor Christus entstandenes Werk des berühmten Künstlers Teisikrates erkannt. Sie war vermutlich Assistenzfigur einer Plastikgruppe, in der sie einer höher postierten Person, einem Wagenlenker vielleicht, einen Gegenstand überreichte.

          Antike Pretiosen

          Der wissenschaftlichen Wiedergutmachung soll nun die inszenatorische öffentliche folgen: Die Bronze wird Zentrum einer Ausstellung sein, die an diesem Mittwoch, genau einhundertfünfundsiebzig Jahre nach der Einweihung des Alten Museums, dort zur Feier dieses Jubiläums eröffnet wird. Antike Pretiosen, die in den Gründungsjahren aus den Königlichen Sammlungen und durch Neuerwerbungen den Grundstock des Museums bildeten, werden rings um die Statue präsentiert.

          Damit nähert man sich auch wieder Schinkels Ideal an, der seine Architektur als adäquates Gehäuse für antike Plastiken, deren Erforschung und Genuß schuf. Aus gutem Grund wurde damals seine berühmte Eingangsrotunde ein „Pantheon der antiken Kunstwerke“ genannt. Und nicht nur Anhänger der oppositionellen Kreise, die wir als Protagonisten des Vormärz kennen, wußten, daß die so kolossale wie anmutige Säulenfront des Museums dem Schloß der preußischen Monarchie keineswegs nur aus ästhetischen Erwägungen ein Abbild der antiken Stoa des demokratischen Athen gegenüberstellte. Schinkels stoische Säulenreihe forderte mit ihrem Verweis auf die Antike die Freiheit der Kunst und damit gleichsam generell Gedankenfreiheit.

          Museumsinterne Koordinierungsprobleme verhinderten übrigens, daß der Betende Knabe bei der Jubiläumsfeier erneut nur als Assistent einer höhergestellten Persönlichkeit agiert hätte. Denn eigentlich war geplant, am heutigen Tag auch die weltbekannte Nofretetebüste samt dem Ägyptischen Museum triumphal im Obergeschoß des Schinkelbaus ihr Interimsquartier beziehen zu lassen. Jetzt soll es am 12. August soweit sein. Dann kann und wird wieder gefeiert werden. Jubel auf Raten? Triumphzug im Stottergang? Die schöne Pharaonin und der schöne Junge haben schon ganz andere Wechselfälle überstanden.

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