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Museumsdirektor Köhne im Gespräch : Wir müssen es wagen!

  • -Aktualisiert am

Noch nie eine antike Vase in der Hand gehalten? Eckart Köhne, Direktor des Badischen Landesmuseums Karlsruhe und Präsident des Deutschen Museumsbundes, will das ändern. Der Archäologe geht ungewöhnliche Wege, um Menschen für seine Sammlungen zu begeistern. Bild: Esra Klein

Jeder Mensch ist ein Kurator: Der Direktor des Badischen Landesmuseums plant die Revolution von unten: Offene Depots und selbst gestaltete Ausstellungen. Ist das Mitmachmuseum die Zukunft?

          5 Min.

          Die Erfolgsformel vieler Museen lautet bis heute Wachstum: Neubauten, Anbauten, Ankäufe, Blockbuster. Ihr neues Konzept weicht davon vollständig ab. Was vermissen Sie im Museumsbetrieb?

          Museen müssen sich ernsthaft damit beschäftigen, wie sie sich neu erfinden. Die letzte große Museumsrevolution fand in den Sechzigern statt, damals hieß das Schlagwort „Bildung für alle“. Wenn Sie sich aber die Zahl der Abiturienten ansehen, dann waren das 1968 zehn Prozent der Bevölkerung, heute machen mehr als fünfzig Prozent Abitur. Die Museen erreichen nach wie vor aber nur zehn Prozent. Da können wir besser werden.

          Sie haben für das Badische Landesmuseum ein Konzept vorgelegt, das vorsieht, dass nicht nur Museumsangestellte, sondern auch Bürger von außerhalb Ausstellungen bei Ihnen kuratieren können. Wie soll das gehen?

          Dies ist eines unserer Ziele. Museen sind eigentlich so angelegt, dass sie die wissenschaftlich fachliche Deutungshoheit für ihre Inhalte haben. Wir versuchen, neben diesem kuratorischen Strang einen zweiten Strang zu entwickeln, bei dem wir selber nicht mehr deuten, sondern die Nutzer und Nutzerinnen des Museums das tun.

          Wie muss man sich eine solche Bürgerausstellung vorstellen?

          An den Universitäten wird von „Citizen Scienceship“ gesprochen. Ich möchte das etwas bodenständiger formulieren: Wir haben sehr viele historisch interessierte Menschen, denen wir auch Raum geben wollen. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass man eine Ausschreibung für externe Kuratoren macht und dafür entsprechende Mittel bereitstellt.

          Sie sprechen von „Nutzern“. Menschen, die ins Museum gehen, hießen bisher „Betrachter“. Was ist der Unterschied?

          Unser Aufruf lautet, Museumsbesucher zu Nutzern zu machen. Wir meinen damit, dass es möglich sein soll, in einem Museum, wie in einer Bibliothek oder in einem Archiv, grundsätzlich alle Objekte zu Gesicht zu bekommen, viele davon vielleicht auch in Händen zu halten. Ich hoffe, dass wir dann in nicht allzu ferner Zeit keine Eintrittskarten mehr verkaufen, sondern Nutzerausweise ausgeben. Man muss es wagen.

          Museumsobjekte anfassen? Wollen Sie das wirklich?

          Natürlich sind Museumsobjekte manchmal kostbar, sehr oft auch empfindlich, aber es gibt eben auch solche, die weniger problematisch sind.

          In Ihrem Museumskonzept haben Sie dafür ein neues Wort erfunden: die Expothek. Was ist das?

          Wir umgehen damit den Begriff des Depots, der ja meistens einen Ort meint, der nicht öffentlich zugänglich ist. Die Expothek dagegen soll ein Bereich im Museum mit Arbeitsplätzen sein, zu denen man sich Objekte hinbestellen kann, als Einzelperson oder auch als Gruppe. Empfindliche Stücke kommen dann in einer Vitrine, andere dürfen auch in die Hand genommen werden.

          Ein vier Meter langes Historiengemälde lässt sich schlecht in einen Benutzerraum bestellen.

          Das stimmt. Der Bereich der Volkskunde mit den Möbeln beispielsweise oder die Steinobjekte der Römerzeit, die wir in der Sammlung haben, sind natürlich nicht beweglich. Aber auch sie sollten erreichbar sein: Unsere Depots sollten künftig so gestaltet werden, dass sie diesen Zugang einfach ermöglichen.

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