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Museum Mucem in Marseille : Die Stadt schlägt die Augen auf

  • -Aktualisiert am

Endlich ein Museum, das diesen Namen auch verdient: Bald eröffnet in Marseille das Mucem, ein Haus, das die geographische Besonderheit der Stadt selbst zum Thema hat.

          5 Min.

          Zu Beginn des Jahres feierte Marseille ein großes Fest. Diejenigen, die dabei waren, erzählen noch heute von der erwartungsfrohen Stille, die sich über den Alten Hafen legte, obwohl sich dort 300.000 Menschen versammelt hatten - oder waren es eine halbe Million? Die Berichte gehen da auseinander, einig sind sich alle nur darin, dass es so viele waren wie seit der Befreiung der Stadt von den Nationalsozialisten nicht mehr.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          In diesem Jahr ist Marseille, gemeinsam mit Kosice in der Slowakei, Kulturhauptstadt Europas. Und wenngleich jeder Franzose weiß, dass Marseille normalerweise nicht viele Gründe zum Feiern hat und die ganze Stadt deshalb dem Ereignis entgegenfieberte, war das mediale Echo im Land zwar freundlich, aber keineswegs überschwänglich: Das sei ja gut und schön. Aber es könne doch nicht alles gewesen sein, so der Tenor nach der Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres am Alten Hafen. Was tat Marseille? Es tat, was es immer tut und sehr gut kann: Es fühlte sich von Paris schlecht behandelt.

          Ein neues Museum

          Die Tatsache, dass die Redaktionen der Fernsehsender und der großen Zeitungen überwiegend in Paris sitzen, reichte aus, um in ein Muster zu verfallen, das fast so alt ist wie die vor 2600 Jahren gegründete und damit älteste Stadt des Landes selbst. Von Marseille aus gesehen, kommt alles Schlechte stets aus der Hauptstadt. Seit je kann Marseille, das eine Bergkette vom übrigen Frankreich trennt und dessen Blick daher stets aufs Mittelmeer gerichtet ist, nur schwer akzeptieren, dass Frankreich ein zentralistischer Staat und Paris dessen Zentrum ist. Wird dort genörgelt, erwachen schnell die alten Reflexe. Dabei könnte Marseille sich eigentlich entspannt zurücklehnen. Soll das jetzt alles gewesen sein? Natürlich nicht.

          Das Kulturhauptstadtjahr unterteilt sich in Phasen, die zweite beginnt in diesem Frühjahr und erlebt ihren Höhepunkt im Juni mit der Eröffnung des spektakulärsten Museums der Stadt. In Marseille gibt es zwar schon einige, aber etwas Vergleichbares mit dem Centre Pompidou in Metz oder dem Louvre in Lens, von den berühmten Museen in Paris ganz zu schweigen, ein Museum also, dessen Ruf über die Stadtgrenzen hinausreicht, „das dieser Bezeichnung überhaupt würdig ist“, wie es ein Bewohner von Marseille dieser Tage formulierte, das gab es bisher nicht. Bald wird sich das ändern.

          Ein an den Strand geworfener Riesenwürfel

          An der äußersten Spitze des Alten Hafens, dort, wo sich dessen Becken mit Hunderten von Segelbooten zum Mittelmeer hin öffnet, ist ein Museum entstanden, das die geographische Besonderheit des Ortes selbst zum Thema hat: das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeerraums, kurz Mucem. Schon in den neunziger Jahren ist die Idee dazu geboren worden. Genaugenommen in Paris, wo man sich eingestehen musste, dass das 1937 gegründete Musée National des Arts et Traditions populaires (ATP) seine Zeit überdauert hatte. Das ATP war eine Art Völkerkundemuseum und widmete sich französischen Lebensweisen früherer Zeiten. Es zeigte eine bedeutende Sammlung von Textilien, Schmuck, Flugblättern und Marionetten, doch derer gibt es viele in Paris. Und so wurde es immer schwieriger, die Neugier des Publikums auf das Museum am Bois de Boulogne zu lenken. Man entschied, die Hauptstadt zu verlassen und in Marseille ein Haus mit einer weniger auf Frankreich fixierten, dafür der Welt zugewandteren Ausrichtung zu eröffnen.

          All dies muss Rudy Ricciotti im Sinn gehabt haben, als er seinen Entwurf für das Mucem erarbeitete. Der mittlerweile hochdekorierte Architekt, 1952 in Algier geboren, studierte in Marseille an der Ecole d’Architecture und hat sein Büro im nahe gelegenen Städtchen Bandol. Er kennt die Gegend bestens, er weiß um die Besonderheit des provenzalischen Lichts und des Windes, und auch das ist in seinen Bau eingeflossen. Aus der Ferne betrachtet, sieht er schlicht und unprätentiös aus, wie ein an den Strand geworfener Riesenwürfel, der halb versteckt hinter dem trutzigen Fort Saint Jean liegengeblieben ist, das Ludwig XIV. errichten ließ und das jahrhundertelang den Hafen kontrollierte. Vordergründig bemüht sich Ricciottis Bau in keiner Weise um ein harmonisches Verhältnis zur Umgebung, zu stark kontrastierten die dunkle Farbe und die kantige Form mit dem beigefarbenen Rund des Forts.

          Meer und Sonne als Ausstellungsgegenstand

          Aber wenn man näher kommt, sieht man, dass sich das 190 Millionen Euro teure Museum auf raffinierte Art eben doch einfügt, denn es lässt sich auf ein schönes Spiel mit den Elementen ein. An der Spitze des künstlichen Deichs, der zur offenen See hin errichtet wurde, stößt noch ein einsamer Bagger wieder und wieder seine Schaufel in die Wellen und hebt eine Fahrrinne aus - man wird das Museum auch per Boot erreichen können. Die Landestelle wird in dem kleinen Hafenbecken liegen, das hier schon entstanden ist und das dem Meerwasser erlaubt, das neue Museum von zwei Seiten so zu umspielen, als läge es auf einer Halbinsel.

          Damit hat Ricciotti das Mittelmeer selbst zum Gegenstand der Schau gemacht. Ebenso die in Marseille an etwa dreihundert Tagen im Jahr scheinende Sonne: Die Ost- und Südseite des durchgehend verglasten Baus ist hinter einem Sichtschutz verborgen, der aussieht wie ein gehäkeltes Kleid. Es schützt die Ausstellungsobjekte vor zu viel Lichteinstrahlung, lässt die Sonne aber so ins Innere tänzeln, dass dort wunderbare Lichtspiele entstehen. Und obwohl die Verkleidung aus einem neuen, besonders druckfesten Beton besteht, wirkt sie so filigran, dass sie an die Struktur eines aufgeschnittenen Trüffels erinnert oder an ein Korallenriff oder, was noch viel naheliegender ist, an die sich kräuselnde Oberfläche des Meeres bei Wind.

          Ein hybrides Wesen

          Überhaupt, der Wind. An ihn hat Rudy Ricciotti auch gedacht und den kubusartigen Bau durch eine vom Dach ausgehende, 130 Meter lange, schmale Passerelle mit dem vorgelagerten Fort Saint Jean verbunden. Dort wird in zwei Sälen die ständige Ausstellung untergebracht sein, was auch deswegen bemerkenswert ist, weil das Fort so erstmals seit dem 17. Jahrhundert für die Öffentlichkeit zugänglich wird: Bis in die sechziger Jahre war es militärisches Sperrgebiet, und auch als das Kulturministerium es übernahm, blieb es geschlossen, da die Ministerialbeamten nichts mit ihm anzufangen wussten.

          Eine zweite Passerelle schlägt eine Brücke zwischen dem Fort und dem auf einem Hügel gelegenen, von Gässchen durchzogenen Viertel Panier, das während der deutschen Besatzung Widerstandskämpfern Schutz bot und 1943 zerstört wurde. Zu guter Letzt führt ein Steg um das Museumsgebäude selbst herum: Man wird also von dessen Vorplatz aus um den Bau herum auf das Dach gelangen und dort über das Fort bis zum Panier spazieren können. Dabei wird man Wind, Sonne und Meer spüren, sehen und hören. Und wer dann noch einen Blick auf die Säulen wirft, die das 52 mal 52 Meter große Gebäude von außen stützen und die, weil sie eben aus diesem besonderen Beton bestehen, recht schmal sind, so dass der Architekt ihnen, wie aus einer Laune heraus, mal die Form einer Tulpe gab, mal die eines verwachsenen Astes - wer sich also alldem aussetzt, der wird das Gefühl bekommen, dass dieses Museum selbst ein transparentes, organisches Wesen ist, das mit seiner Umgebung lebt, atmet und auf den Wellen des Meeres schaukelt.

          Das Fort Saint Jean war ein Bollwerk, das Marseille vor den Gefahren des Mittelmeeres schützte. Das Mucem, das nun seinen Platz an der vordersten Wasserfront eingenommen hat, ist etwas ganz anderes - es ist Aussichtsplattform, Einladung und eine Verkörperung all dessen, als was sich Marseille seit je versteht, auch und gerade wenn es der ewig missbilligenden großen Schwester Paris seine Vorzüge beweisen will: Es ist ein hybrides Wesen, das die politisch längst gestorbene Idee von der Mittelmeerunion aufgreift und all jenen fremden Einflüssen aus den Anrainerstaaten einen Platz bietet, die Marseille seit Jahrhunderten zu dem machen, was es ist: zu einer Stadt mit Hunderten von Gesichtern.

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