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Bilder aus Krähwinkel : Wessen Kopf kostet es?

Diese fiktive Stadt prägte ein Jahrhundert: Im Museum LA8 in Baden-Baden werden Bilder aus Krähwinkel ausgestellt. Zu sehen ist darin ganz Deutschland.

          Kennen Sie die Herren Staar (seines Zeichens Bürgermeister), Rumpelpuff (Stadtkommandant) und Sperling (Runkelrüben-Commissions-Assessor, wahlweise auch Dichter)? Im neunzehnten Jahrhundert kannte diese Herren fast jeder im deutschsprachigen Raum, denn sie waren die prominentesten Bürger von Krähwinkel. Diese Ortschaft wenigstens ist bisweilen im Bewusstsein noch präsent; immerhin hat sie es 1873 bis ins Wörterbuch der Brüder Grimm geschafft, als „musterbild beschränkter kleinstädterei“ und als ein Begriff, der „allgemein in gebrauch“ sei.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Zu danken war das August von Kotzebues Komödie „Die deutschen Kleinstädter“ – 1802 uraufgeführt, 1803 gedruckt und in den Folgejahren überall auf deutschen Bühnen nachgespielt –, deren zahlreichen Fortschreibungen durch andere Autoren fürs Theater, aber auch als Satiren bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Und dazu vor allem der Flut an Witzblättern, die die nunmehr berühmten Zustände in Krähwinkel zum Gegenstand hatten und das Wissen um die ominöse Ortschaft nochmals kräftig erweiterten. Dass es Jean Paul gewesen war, der mit seinem „Heimlichen Klaglied der jezigen Männer“ 1801 die Stadt Krähwinkel als Inbegriff abgeschotteter Kleinbürgerlichkeit erstmals vorgestellt hatte (damals noch als „Krehwinkel“), war schon damals weitgehend vergessen. Gegen die Popularität von Kotzebue und die der allgegenwärtigen bunten Bilder hatte ein ebenso verschrobener wie geistreicher Literat keine Chance.

          Sind aber die gezeichneten Krähwinkeliaden überhaupt Karikaturen?

          Was indes ihn und die späteren Krähwinkel-Propagandisten einte, war die Gesellschaftskritik. Nur verlegte sie sich nach Jean Paul aufs Spotten, und so hat das Museum LA8 in Baden-Baden gut daran getan, diesen Begriff in den Titel seiner Ausstellung mit Bildern aus Krähwinkel zu nehmen. „Gediegener Spott“ heißt sie, und das unerwartete Epitheton bezieht sich auf die Gutbürgerlichkeit, die sich hier über die Kleinbürgerlichkeit lustig macht. Dass die „Krähwinkeliaden“, wie die lustigen Ereignisse aus der fiktiven Ortschaft damals genannt wurden, auch politisch brisant sein konnten, arbeitet die Ausstellung aber auch heraus. In der Epoche der 1819 für den ganzen Deutschen Bund erlassenen Karlsbader Beschlüsse, einer rigiden Presse- und Wissenschaftszensur, bot nur der Ausweg in die Irrealität eine Möglichkeit zur Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Dafür taugten Bürgermeister Staar und die Seinen hervorragend.

          Der fächerförmige zweistöckige Ausstellungsraum des LA8 ist bis zur letzten Nische gefüllt mit Karikaturen; mehr als 250 Blätter kann man dort sehen. Sie stammen größtenteils aus der Ludwigshafener Privatsammlung von Dieter Ante und wurden ergänzt durch Leihgaben aus dem Hannoveraner Wilhelm-Busch-Museum für Karikatur und Zeichenkunst, das die Schau im kommenden Jahr übernehmen wird. Es ist schon die zweite Zusammenarbeit der beiden Häuser und des Sammlers nach der im vergangenen Jahr ebenfalls in BadenBaden und Hannover gezeigten Karikaturenausstellung „Technische Paradiese“.

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