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Museum Garage in Moskau : Im Zukunftslabor der friedlichen Optimierer

Die Garage trage dazu bei, die russische Gesellschaft offener und progressiver zu machen, sagt Direktor Below. Bild: Alexey Narodizkiy

Das Museum Garage im Gorki-Park ist Moskaus glamouröser Treffpunkt für zeitgenössische Kunst. Hier überschneiden sich die Interessen der Kreativen und Mächtigen. Aber was bewirkt die Kunst an diesem Ort?

          Es scheint nur paradox: In Russland, das sich konservativ positioniert und kritische Künstler ins Gefängnis wirft, geht es dem modernen Kunstpalast, wo internationale Stars, aber auch abgestrafte Landsleute gewürdigt werden, prächtig. Das Museum Garage im retro-verschönerten Gorki-Park ist Glamour-Treffpunkt, Bildungsinstitut und Freiheitsoase in einem. Der sowohl putintreue als auch wohlweislich im Ausland lebende Oligarch Roman Abramowitsch, der das Haus mit seiner in Amerika aufgewachsenen Ex-Frau Darja Schukowa vor zehn Jahren gründete, hat mit dem weitläufigen Bau von Rem Koolhaas einen Raum geschaffen, in dem die Interessen der Kreativen und der Macht sich überschneiden.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ja, man habe Ausstellungen gemacht, wo Protestaktionen der Performance-Gruppe „Woina“ oder die absurdistisch-parodistischen „Monstrationen“ des Künstlers Artjom Loskutow, der dafür in Nowosobirsk verhaftet worden war, gewürdigt wurden, erklärt der Direktor der „Garage“, Anton Below. Die Arbeiten würden hier freilich hinsichtlich ihrer künstlerischen Spezifik präsentiert und in einen internationalen Kontext gestellt, betont Below, der als Experte für Stahllegierungen ausgebildet wurde, bevor er in die Galerieszene wechselte. In unserer Frage nach der politischen Brisanz solcher Kunst klingen seiner Meinung nach vor allem Allgemeinplätze über Russland nach.

          Offener, toleranter, progressiver

          Das über eine Privatstiftung finanzierte Haus, dessen Chefkuratorin zwischen Moskau, London und New York pendelt, will nach den Worten von Below Zukunftslabor sein. Es zeigt internationale Größen sowie immer mehr russische Arbeiten aus den letzten fünfzig Jahren. Eine eigene Kunstsammlung besitzt die Garage nicht. Doch das durch zahlreiche Künstlernachlässe sowie Foto- und Videoarbeiten angewachsene Archiv sichert die Voraussetzungen der Werke, neuerdings auch durch seine Vernetzung mit den Datenbanken über nonkonformistische russische Kunst der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen sowie des Zimmerli Kunstmuseums an der amerikanischen Rutgers-Universität. Außerdem veranstaltete die Garage erstmals inklusive Ausstellungen, die mit Hilfe spezieller Guides oder Tastobjekte Kunstwerke Gehörlosen, Blinden, Rollstuhlfahrern erschlossen und an deren Konzeption junge Leute mit Behinderungen mitwirkten. So trage die Garage dazu bei, die russische Gesellschaft offener, toleranter, progressiver zu machen, erklärt Direktor Below.

          Louise Bourgeois’ „Maman“ vor der Garage

          Sein Haus, das im zu Ende gehenden Jahr mit einer Besucherzahl von beinahe einer Million rechnet, und dessen Vintage-Café Kult ist, befördert zugleich die Mission, der auch der umliegende Gorki-Park dient, nämlich die Menschen friedlich zu optimieren und einen modernen Homo ludens heranzuziehen. Dazu passt, dass die Garage gemeinsam mit der Parkleitung einen innovativen Spielplatz mit illuminierter Megaschaukel, musikalischen Felsplateaus und einer neuartigen Sandkiste voller „archäologischer Überraschungen“ aufgebaut hat, auf dem sich in diesem feuchtkalten Herbsttag allerdings nur ein paar Erwachsene tummeln.

          Im Jahr ihres runden Geburtstags beschenkt die Garage die Moskauer mit einem multinationalen Ausstellungsbukett. Den glatten Betonhof vor dem Haupteingang hat der Mexikaner Damián Ortega mit Skulpturen geschmückt, die Logotypen internationaler Firmen ins parkstatuengroße 3D-Format übersetzen. Die gläserne Eingangshalle wird noch bis Ende Januar von der Klanginstallation des in Berlin lebenden Albaners Anri Sala bespielt. Hier umwehen einen Passagen aus Mozarts spätem Klarinettenkonzert in A-Dur, zerstückelt durch echogenerierte Schläge von drei Dutzend unter der Decke aufgehängten Trommeln, vor allem aber durch den Witterungsrhythmus einer Segelfahrt nach Australien, wie Sala ihn nach dem Tagebuch des Engländers James Bell (1817 bis 1840) modelliert hat. Der Niederschlag der langen historischen und kulturellen Reise, dem das fragile Meisterwerk ausgesetzt wird, zerreißen seinen Klangkörper zu einer nicht mehr lesbaren Flaschenpost.

          In der Garage wird der Anspruch gehegt, einen modernen Homo ludens heranzuziehen.

          Das Hauptereignis ist die erste russische Retrospektive des belgischen Großmeisters der ironischen Gattungsmischung Marcel Broodthaers. Im Obergeschoss durchwandert man Broodthaers’ „Abteilung Adler“ , die sich mit skurrilen Fundstücken, Reklametafeln und Kunstreproduktionen über die inflationäre Verwendung des alten Herrschaftssymbols lustig macht, bewundert seine fiktiven Werbetafeln, die skurrilen Muschel- und Eierschalen-Monumente.

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