https://www.faz.net/-gqz-9buju

Angelika Platens Fotosammlung : Künstlerverehrung ist immer nah an der Lächerlichkeit gebaut

Blicke und Gegenblicke auf Genies und ihre Gedanken: Das Berliner Museum für Fotografie präsentiert Porträts großer Künstler aus der Sammlung Angelika Platens.

          Der Ball läuft ziemlich rund in dieser Ausstellung, und überall dort, wo er angenommen wird, entsteht ein Porträt. Henri Cartier-Bresson porträtiert Matisse, Martine Franck porträtiert Cartier-Bresson, Imogen Cunningham porträtiert Alfred Stieglitz und wird von Ara Güler porträtiert, Christopher Makos, Robert Mapplethorpe und Digne Meller-Marcovicz porträtieren Andy Warhol, Edward Steichen porträtiert erst sich selbst, dann Constantin Brancusi, dann wieder sich selbst. Es ist ein Reigen der Blicke und Gegenblicke, und wenn man näher hinsieht, erkennt man, dass es auch ein Laufsteg der fotografischen Eitelkeiten ist – ein Wettbewerb der Vorstellungen darüber, wie ein Künstler oder eine Künstlerin vor der Kamera auszusehen hat.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Hundertachtzig Porträts aus der Sammlung der Fotografin Angelika Platen sind im Berliner Fotografiemuseum ausgestellt, zusammen mit einigen Werken der gezeigten Künstler, die allerdings in diesem Zusammenhang wie eine Fußnote wirken, eine kostbare, aber unnötige Garnierung. Es ist eine Schau, in der man sich verlieren kann, im Raum wie in der Zeit: in den Ateliers von Bacon, van Dongen, Spoerri oder Magritte – das erste ein Chaos, das zweite ein Magazin, das dritte ein Wühltisch, das vierte eine Volière; und in den historischen Spiegelungen, denn das Jahr 1931, in dem Imogen Cunningham und Lola Álvarez Bravo die Malerin Frida Kahlo in Mexiko-Stadt fotografieren, ist ja das gleiche, in dem Ilse Bing sich selbst in ihrem neuen Pariser Atelier und Raoul Hausmann den Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff irgendwo in Hinterpommern aufnimmt.

          „Und die Welt war jung“, möchte man mit Marlene Dietrich sagen (oder singen), aber der Augenschein spricht eine andere Sprache. Denn diese Fotos – schwarzweiß die allermeisten, wie es zunächst die Technik, dann die ästhetische Konvention bis fast in die Gegenwart vorschreibt – haben nichts Unbeschwertes. Sie sind sich der Bedeutung dessen, was sie abbilden, in jedem Moment bewusst. Sie blicken ins Buch der Geschichte und schreiben sich selbst darin ein. Im Jahr 1932, fünf Jahre vor „Guernica“, entsteht Man Rays Foto von Picasso, auf dem der Maler aussieht wie der junge Jean Gabin. Aber vielleicht ist es gerade umgekehrt, denkt man auf einmal, vielleicht hat sich Gabin nach dem Bild Picassos stilisiert. Oder beide nach den herrschenden Bildern ihrer Zeit.

          Dem Vergessen bei der Arbeit zuschauen

          Doch dann, plötzlich, fallen die Porträts aus der Rolle. Philippe Halsman lässt Salvador Dalí hinter dem ikonischen Schnurrbart verschwinden. René Magritte hält sich für Duane Michals die Hand vors Gesicht. Christopher Makos inszeniert Andy Warhol als androgynes Mischwesen und aus der Wanne gestiegenen Marat. Otto Dix posiert mit Lorbeerkranz, Jörg Immendorff zeigt Stefan Moses sein magisches Auge. Dieses Satyrspiel ist mehr als ein willkommenes Intermezzo. Es offenbart, dass die Künstlerverehrung, auch die der Fotografen, immer nah an der Lächerlichkeit gebaut ist.

          Die Sammlerin und Künstlerin Angelika Platen steht im Berliner Museum der Fotografie zwischen ihren gesammelten Werken. Bilderstrecke

          Am deutlichsten wird das bei jenen Genies, die heute keiner mehr kennt. Da steht ein alter Mann, der Bildhauer Charles Despiau, neben der Bronzestatue einer nackten Frau. Als Robert Doisneau das Bild 1940 aufnahm, war Despiau weltberühmt, aber heute sieht man nur noch dies: einen Alten, der väterlich zu einer Nackten aus Bronze aufblickt. Durch Fotoausstellungen zu gehen heißt auch, dem Vergessen bei der Arbeit zuzuschauen.

          Angelika Platen, selbst eine herausragende Künstlerporträtistin, hat nur ein einziges eigenes Foto in die Ausstellung geschickt. Es gehört zu den Meisterwerken der Gattung, weil es aus der Prominenten- eine Menschenbetrachtung macht. Man sieht die sechzigjährige Hanne Darboven, die im Wintergarten ihres Hamburger Gutshauses steht. Sie trägt einen Nadelstreifenanzug, sie raucht, im Vordergrund blühen Orchideen, aber der Kopf der Künstlerin ist kahl, ihr Gesicht das einer Schwerkranken. Ihre linke Hand klammert sich an eine Stuhllehne, daneben, unscharf, erscheint das Zifferblatt einer Uhr.

          Dieses Foto ist groß, weil es eine Traditionslinie fortsetzt, die sich seit der Renaissance durch die abendländische Kunstgeschichte zieht, und sie zugleich verwandelt. Die Zigarette zwischen Darbovens Fingern ist noch nicht verglüht, in dem Rauch, der von ihr aufsteigt, zieht sich die Bewegung des Bildes zusammen. Das Memento mori ist ein Aufstand gegen den Tod. Tatsächlich hat die Künstlerin das Foto um sieben Jahre überlebt. Sie hat den Ball zurückgespielt, an die Fotografin, an die Nachwelt und an uns selbst.

          Künstler-Komplex: Fotografische Porträts von Baselitz bis Warhol

          Sammlung Platen. Museum für Fotografie Berlin, bis 7. Oktober. Der Katalog, erschienen im Kehrer Verlag, kostet 39,90 Euro.

          Weitere Themen

          Üben Ermittler an Schaufensterpuppen?

          Tatort-Sicherung : Üben Ermittler an Schaufensterpuppen?

          In Hanns von Meuffels letztem „Polizeiruf“ übt die nächste Ermittler-Generation mit Bühnenrequisiten und wird über die Kennzeichen von Pornografie aufgeklärt. Ist so viel Realismus realistisch?

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Kultur willkommen

          Meineckes Amerika-Bild : Kultur willkommen

          Zur Dreihundertjahrfeier der Harvard Universität reiste der Historiker Friedrich Meinecke 1936 nach Amerika. Ein Reisebericht aus dem Privatarchiv hält das ungewöhnliche Aufeinandertreffen zweier Kulturen fest.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.