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Zeichnungen von Roland Topor : Überbiss sucht Unterbiss

Gemeinsam mit dem Verlag Diogenes wird der Franzose Roland Topor in den Sechzigern als Illustrator groß. Die Vielfältigkeit der Werke des Multitalents überrascht auch heute noch.

          Als Daniel Keel, der Gründer und Chef des Diogenes Verlags, in den frühen sechziger Jahren die ersten Publikationen mit Zeichnungen des Franzosen Roland Topor vorstellte, bewies er eine ebenso gute Nase, wie er sie bei dessen Landsleuten Tomi Ungerer, Sempé, Chaval und Bosc hatte. Oder bei Loriot. Diogenes wurde zum Mekka des Cartoons im deutschsprachigen Raum, und Topor erlebte just in Deutschland, dem Land, das seinen jüdischen Eltern und auch ihm selbst als 1938 in Paris Geborenen während der Besatzungszeit nach dem Leben getrachtet hatte, einen fulminanten Aufstieg als Illustrator. Er war ein Star im Kunstbetrieb, wie ein Kalender beweist, der von der Papierfabrik Zander 1970 produziert wurde und Topor neben Größen wie Hockney, Arnulf Rainer, Vasarely bei der Lichtmalerei zeigt. Er war eine öffentliche Person, denn seine Kunst war überall sichtbar: Nicht nur erschienen bei Diogenes zahlreiche von ihm illustrierte Bücher und eigene Romane – darunter als berühmtester der im französischen Original bereits 1964 erschiene „Mieter“, den später Roman Polanski verfilmen sollte –, Topor war auch für zahlreiche deutsche Institutionen als Plakatgestalter tätig, für die Münchner Kammerspiele, für das Münchner Stadtmuseum, für die Bremer Kunsthalle, den Filmverlag der Autoren, die Bayerische Staatsoper – um nur einige zu nennen. Und für das Aalto-Theater in Essen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es ist diese Verbindung, die dem Museum Folkwang in Essen jetzt, zum achtzigsten Geburtstag, einen ungewöhnlichen Zugriff auf den 1997 gestorbenen Topor gestattet. Denn im Fundus des Theaters fanden sich noch zwei Kostüme aus jener „Zauberflöte“, die Topor dort 1990 ausstattete – dank des damaligen Jubiläums der örtlichen Industrie- und Handelskammer stand ein ungewöhnlich hohes Budget für die Inszenierung zur Verfügung, und Topor nutzte seine Chance: Er entwarf siebzehn verschiedene Bühnenbilder, das Plakat und zahllose Kostüme, von denen zwei besonders aufwendige, die für Papageno (einen menschenförmigen Vogelkäfig auf dem Rücken) und Papagena, überlebt haben und nun als Glanzstücke mitten in der Ausstellung stehen, umgeben von den in der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität Köln aufbewahrten Entwurfszeichnungen.

          Von Cartoons, Druckgraphiken und Trickfilmen

          Es ist das ungewöhnlichste Konvolut dieser Ausstellung, die ansonsten vor allem mit Leihgaben aus der großen Sammlung von Jakob und Philipp Keel bestritten wird, den Söhnen des 2011 gestorbenen Verlegers, der offenbar seine Kunstgalerie vor allem deshalb betrieben hat, um selbst so viel wie möglich von seinen favorisierten Zeichnern zu erwerben. Der Topor-Bestand ist atemraubend, von den frühen Cartoons der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre, als sich der Zeichner in der französischen Satirepresse etablierte, über die Druckgraphik bis zu den Entwürfen für Trickfilme wie den 1973 fertiggestellten „Planète sauvage“, der in Cannes den Spezialpreis der Jury gewann. Ja, Daniel Keel hatte eine sehr gute Nase, wenn er damit auch Topors Menschenbild insofern nicht entsprach, als dass es häufig Gesichter bietet, die leer sind, ohne Münder, Augen und Nasen – so etwa in der Zeichnung „Geschmeiß“, von 1968, einer der frühesten farbigen Arbeiten, die Keel als Plakatmotiv einer zwei Jahre später stattfindenden Topor-Ausstellung in seiner Galerie wählte. Natürlich erwarb er selbst das Blatt.

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