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Museum Europäischer Kulturen : Warum gehört Europa nicht ins Berliner Schloss?

In dieser Woche öffnet die Dauerausstellung des Berliner Museums Europäischer Kulturen. Ihre Objekte könnte man sich auch im Humboldt-Forum vorstellen.

          Der Altbau der Staatlichen Museen in Berlin-Dahlem erinnert an eine Realschule der deutschen Kaiserzeit. Wer durch den Eingang des dreigeschossigen Hauptgebäudes tritt, kommt in ein hohes Foyer, von dem rechts und links Treppenhäuser abzweigen. Rechts oben geht es zur Musikinstrumentensammlung des Ethnologischen Museums. Im Parterre aber erblickt man, kaum dass man die schmucklose Tür passiert hat, eine schwarze venezianische Gondel auf einem hohen Holzpodest. Dahinter laufen auf drei Monitoren sommerliche Szenen aus Venedig: Touristen, Kirchen, Kanäle. Die Gondel ist das Leitobjekt, die zentrale Ikone der neuen Dauerausstellung des Museums Europäischer Kulturen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Europäische Kulturen? Das klingt nach einem der vielen Sortierbegriffe der EU-Bürokratie. Tatsächlich reichen die Wurzeln des Museums bis in die königlich-preußische Kunstkammer im Berliner Hohenzollernschloss. Die dort liegenden europäischen Ethnographica kamen 1886 zusammen mit den Sammlungen aus anderen Kontinenten ins neue Museum für Völkerkunde neben dem Gropiusbau, das nach den Bombenschäden des Zweiten Weltkriegs abgerissen wurde. Ein Großteil der Objekte ging im Krieg verloren, der Rest wurde zwischen Ost und West zerstreut; erst in den neunziger Jahren gelang die Wiedervereinigung. Aber museumsdidaktisch blieb die europäische Ethnologie ein Torso. Deshalb wurde sie vor der Jahrtausendwende mit den volkskundlichen Beständen des einst von Rudolf Virchow gegründeten, ebenfalls schwer kriegsversehrten Museums für deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes zusammengelegt.

          Das Museum Europäischer Kulturen ist also ein Tier mit zwei Köpfen: einerseits deutsch, andererseits kontinental. Das prägt den Dahlemer Auftritt ebenso wie das Bemühen der Kuratoren, einen Gegensatz zwischen eigenem und fremdem Blick erst gar nicht aufkommen zu lassen. Dabei verrutschen gelegentlich die Perspektiven. Das zweite Prunkstück der Ausstellung ist ein prächtig bemalter sizilianischer Eselskarren, den WilhelmI. von einer seiner vielen Italienreisen als Geschenk mitbrachte. Der in einer palermischen Werkstatt illuminierte carretto zeigt nicht, wie man erwarten könnte, den Stauferkaiser FriedrichII., sondern die Taten des Normannen Roger, des Befreiers der Insel vom arabischen Joch. Der Begleittext tut sich schwer, diese für Sizilianer selbstverständliche Motivwahl zu erklären; der Katalog raunt etwas von „türkischer Fremdherrschaft“ und „nationalen Einheitsbestrebungen“. Ethnologie und Geschichtswissenschaft sind offenbar immer noch getrennte Welten, zum Nachteil vor allem der Ethnologen.

          „Kulturkontakte“ lautet das Motto der Ausstellung. Das schließt auch den Siegeszug des Döners ein, der als Werbe-Attrappe aus Plastik mit Zubereitungsbesteck und Menükarte präsentiert wird: die türkische Fremdherrschaft als Budensultanat. Weiter hinten sieht man Mokka- und Kaffeeservices, einen Samowar, dann beginnt der Ausstellungsteil „Grenzen“. Ein Schützenkleid aus Soest prangt neben dem Kostüm eines Lichtmessläufers aus dem sächsischen Spergau, der auch als Mozarts Pamino durchgehen würde; eine Frauentracht von der griechischen Insel Karpathos grüßt ein Festtagskleid von 1935 aus der Wischauer Sprachinsel in Mähren.

          Aber die zweite der Inseln gibt es nicht mehr, die deutschsprachige Bevölkerung rings um Wischau wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs vertrieben. Auch hier stößt die Völkerkunde an die Grenzen der Geschichte. Ausstellen will sie die Lebenswelt der Vertriebenen nicht, verbergen kann sie sie nicht. Deshalb verbannt sie sie ins Kleingedruckte.

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