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Museum de Fundatie : Eine blitzgescheite Freundschaft

Im niederländischen Museum de Fundatie werden zwei Ikonen der deutschen Fotografie gezeigt: Ellen Auerbach und Barbara Klemm. Dabei ist manche überraschende Parallele zu entdecken.

          3 Min.

          Das Museum de Fundatie in der niederländischen Stadt Zwolle, nicht weit von Amsterdam entfernt, ist vor zwei Jahren völlig neu gestaltet worden. Auf dem klassizistischen ehemaligen Gerichtsgebäude, in dem es residiert, prangt ein riesiges silbern funkelndes Ei. Was da ausgebrütet wurde, ist ein höchst geschicktes Raum- und Ausstellungskonzept. In dem Hohlkörper mit prachtvoller Aussicht über die Altstadt befinden sich große Räume mit einigen wenigen Glanzstücken des Museums (das den größten Teil seiner Sammlung im nahe gelegenen ländlichen Kasteel Het Nijenhuis präsentiert), darunter normalerweise auch ein erst vor wenigen Jahren identifiziertes Van-Gogh-Gemälde von 1886, das allerdings derzeit nach Chemnitz ausgeliehen ist – wofür im Gegenzug ein Caspar David Friedrich von dort nach Zwolle gekommen ist. Für deutsche Kunst hegt das Haus ein besonderes Interesse.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So widmete sich denn auch 2013 die erste Ausstellung im umgebauten Gebäude der Kunst der Weimarer Republik, und dafür arbeitete man eng mit der Berliner Akademie der Künste zusammen. Unter den damals gezeigten Objekten waren auch Fotografien der 1906 in Karlsruhe geborenen Ellen Rosenberg, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Grete Stern in den späten zwanziger Jahren ein eigenes Fotoatelier namens „ringl + pit“ (nach ihren Spitznamen) in der Reichshauptstadt eröffnet hatte. Beide waren Jüdinnen und verließen Deutschland sofort nach Hitlers Machtübernahme; Grete Stern ging nach England, Ellen Rosenberg erst nach Palästina, dann auch nach England und schließlich 1938 in die Vereinigten Staaten. Dort fotografierte sie nach ihrer Heirat als Ellen Auerbach.

          Unter diesem Namen sollte sie bekanntwerden, allerdings nicht während ihrer aktiven Karriere, obwohl sie immerhin für so prominente Publikationen wie das amerikanische „Life“ tätig war, sondern erst nachdem sie die Arbeit mit der Kamera für ihre neue Berufung als Kindertherapeutin aufgegeben hatte. Eine alte deutsche Bekanntschaft sorgte vor dreißig Jahren für die Wiederentdeckung des fotografischen Werks. An der Kunsthochschule in Stuttgart hatte Ellen Rosenberg sich 1928 mit Anna von Westphalen angefreundet, und nach dem Krieg nahmen beide wieder Kontakt auf. So lernte die Amerikanerin auch die 1939 geborene Tochter ihrer deutschen Freundin kennen: die Fotografin Barbara Klemm.

          Ein vorweggenommener Blick

          Sie muss man Lesern dieser Zeitung nicht groß vorstellen: Barbara Klemm arbeitete von 1970 bis 2005 als Redaktionsfotografin für diese Zeitung und gilt mittlerweile als eine der wichtigsten Gegenwartskünstlerinnen ihres Metiers. Die Bildsprache dieser Fotografie ist unverkennbar – und hat eine Vorläuferin in Ellen Auerbach, allerdings nicht in den Bildern der experimentellen Fotografin der späten Weimarer Republik, sondern in denen der Weltreisenden aus der Nachkriegszeit, die aus Norwegen, Mallorca, Mexiko (dort auch einmal in Farbe) oder Argentinien, aber auch von amerikanischen Städten und Landschaften Motive bieten, die den unvergleichlichen Klemm-Blick teilweise geradezu eklatant vorwegnehmen: im Spiel mit Spiegelungen etwa, im Auge für unerwartete, aber sprechende Nachbarschaften von Objekten, in den wie arrangiert wirkenden, doch stets dokumentarischen Personenkonstellationen und den geradezu mystischen Landschaften.

          Dieser Vergleich kann in Zwolle unmittelbar erfolgen, denn Ellen Auerbachs Nachlass kam nach ihrem Tod 2006 durch Barbara Klemms Vermittlung an die Akademie der Künste in Berlin, und nun hat das Museum de Fundatie dort nicht nur 120 Bilder aus allen Schaffensphasen von Ellen Auerbach ausgeliehen, sondern sie zudem um eine Ausstellung zu Barbara Klemms Werk ergänzt. Dazu bediente man sich des Bestands der großen Retrospektive, die 2014 im Berliner Gropius-Bau gezeigt wurde: 140 Aufnahmen daraus sind von der Fotografin nun selbst für Zwolle ausgewählt worden, und auch die erhellende Idee, einzelne Zeitungsseiten mit den Fotos von Barbara Klemm zum eigenständigen Teil der Schau zu machen, wurde aus Berlin übernommen.

          Im Vergleich zum Gropius-Bau sind die Räume in Zwolle winzig; selbst der zentrale Saal der Klemm-Ausstellung nimmt gerade einmal 44 Bilder auf, die sich vor allem deutschen zeitgeschichtlichen Motiven widmen. Andere Abteilungen stellen die Reisefotoreportagen und Künstlerporträts vor, wobei verblüffende neue Bildbezüge hergestellt werden wie im Fall der nebeneinander hängenden Aufnahmen von Mick Jagger (1970) und Claudio Abbado (1997), die geradezu als Diptychon erscheinen mit ihren jeweils aus dem Dunkel herausragenden Gestalten, deren leuchtendste Elemente nicht die Gesichter, sondern die Hände sind.

          Die Überraschung aber ist Ellen Auerbach. Nicht, weil man ihre Aufnahmen noch nicht kennte – sie wurden seit der ersten Berliner Retrospektive von 1998 in Deutschland oft gezeigt –, sondern eben durch die ästhetische Verwandtschaft mit den Bildern Barbara Klemms, die hier zwar nicht in unmittelbarer Konfrontation, aber in den beiden spiegelbildlich konzipierten Ausstellungen intensiv genug zu erleben ist. Für die Niederlande sind beide Fotografinnen eine Entdeckung, und der bisherige Publikumszuspruch in Zwolle ist enorm. Doch auch für deutsche Besucher lohnt sich der Weg, der gleichfalls eine doppelte Entdeckung verspricht: des Museumsgebäudes und zweier Ausstellungen, die zu einer Künstlerinnenfreundschaft die künstlerische Fundierung liefern.

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