https://www.faz.net/-gqz-9q5jf

„Museum“ im MMK Frankfurt : Im Laboratorium der Utopien

Eine Zitrone ist eine Birne ist eine Sonne: Die „Capri-Batterie“ von Joseph Beuys leuchtet seit 1985 und bringt als geschlossener Kreislauf die Natur ins Museum. Bild: Axel Schneider/VG Bild-Kunst

Das Museum, ein Ort für Narrheit, Irrtum, Podium für gesellschaftliche Diskussionen und Kämpfe um die Kunst für die Ewigkeit: In Frankfurt beschreibt das MMK die grundsätzlichen Freiheiten des Ausstellungsraums.

          Das Museum gilt unverändert als geschützter Raum; schon seine Synonyme wie „Heilige Hallen“ oder „Musentempel“ deuten eine gewisse Weihe und einen Ausnahmestatus an, in dem die Seele vor den Zumutungen des Alltags fliehen kann und Asyl erhält. Die noch ungeschriebene Geschichte der Kämpfe zwischen Museumsdirektoren und Autoritäten hingegen wäre eine erschreckend wüste: Kaiser Wilhelm II., der dem Nationalgaleriedirektor Hugo von Tschudi um 1900 diktiert, keine impressionistischen „violetten Schweine“ mehr auszustellen, und schließlich für seine Entlassung sorgt.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Bis zu seiner Immunisierung als Leiter der Akademie der Schönen Künste in Berlin ungezählte Anwürfe gegen Klaus Staeck wegen seiner politischen Plakatkunst. Von 1974 an schärfste Kritik an Armin Zweite als Direktor der Städtischen Galerie im Münchner Lenbachhaus aufgrund mancher Ankäufe wie „Merda d’artista“ von Manzoni. Besonders seit der letzten Documenta in Kassel Vertreter rechter Parteien, die verstärkt ihr grundsätzliches Recht nutzen, politisch missliebige Ausstellungen und die dazugehörigen Häuser unter oft fadenscheinigen Vorwänden in Frage zu stellen. Mit diesem winzigen Ausschnitt deutscher Museumskämpfe sind die massiven Bedrohungen in osteuropäischen oder etwa lateinamerikanischen Ländern noch nicht einmal erwähnt.

          Kunst für die Ewigkeit

          Das Museum war somit als Bastion künstlerischer Freiheit nie unangefochten. Es bewahrt jedoch wie in einer Schneekugel auch die strittige Geschichte der Kämpfe um die Kunst für die Ewigkeit, denn ein Museum wie beispielsweise die Ermitage in Sankt Petersburg ist die einzig überdauernde Institution über alle Umstürze Russlands hinweg, wie es derzeit der russische Pavillon auf der Biennale in Venedig mit seiner Erzählung der Landesgeschichte anhand des Wandels und der Kontinuität im größten Museum des Riesenreiches zeigt.

          Pamela Rosenkranz: Viagra Paintings Bilderstrecke

          Die Institution Museum bewahrt – nicht zuletzt durch die beständige Materialität der ausgestellten Werke – eine feste Form gegen das Auf und Ab der Politik im Außen; es bietet zugleich Asyl für künstlerische Äußerungen, die in bestimmten politischen Kontexten außerhalb dieses Schutzraums der Freiheit gar nicht mehr geäußert werden können. Mehr noch: Das Museum ist selbst politisch, es bietet ein Podium für gesellschaftliche Diskussionen, die andernorts längst im Grabenkrieg der redundanten Talkshows und unversöhnlichen Scheindebatten steckengeblieben sind. Das Museum ist eine Ermöglichungsform freien Denkens; schon wegen der Uneindeutigkeit und schillernden Ambivalenz seiner Objekte bestätigt es jedoch nie zu hundert Prozent vorherrschende Meinungen oder mehrheitsfähige Weltsichten. Oft muss man sich darin wie in einer Höhle des Löwen auch Kunstwerken stellen, die abstoßend oder ablehnenswert sind – man wird dennoch mit Gewinn aus diesen dialektischen Prozessen hervorgehen.

          Dieser schützenswerten Institution widmet das Frankfurter MMK von heute an eine Ausstellung mit dem allumfassenden Titel: „Museum“. Das passendste Emblem dieser Schau über das permanente Ringen um politisches Gehörverschaffen und Ernstgenommenwerden wäre Joseph Beuys’ „Boxkampf für direkte Demokratie“ im ersten Geschoss. In einer langen Vitrine ist ein Paar gebrauchter Boxhandschuhe eines 1972 real von Beuys geführten Kampfes neben der in ihrer bandwurmartigen Länge ausgezogenen Kordel der Faustkampfarena abgelegt. Sie wären als Reliquien längst geführter Kämpfe abzutun. Da aber in unmittelbarer Nachbarschaft das Foto der Entlassung des Künstlers aus der Düsseldorfer Kunstakademie durch Johannes Rau mit der triefend ironischen Aufschrift „Demokratie ist lustig“ hängt, mahnt die Vitrine eher dazu, den Kampf um die fragile Lebensform Demokratie täglich fortzusetzen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.