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Ausstellung im MAK : Die Zukunft am Main

Neues Kochen: Die von Margarete Schütte-Lihotzky entwickelte Frankfurter Küche. Bild: Foto Anja Jahn/Museum Angewandte Kunst

Vor hundert Jahren ganz vorn: Frankfurt feiert im Bauhausjahr seine eigene progressive Moderne. Die Ausstellung „Moderne am Main 1919–1933“ kürt Frankfurt zum Zentrum der Avantgarde.

          Aufgepasst, Weimar, Dessau, Berlin! Jetzt kommt Frankfurt – und präsentiert sich als wahre Zukunftsmetropole der Zwischenkriegsjahre. Als der Ort, an dem nicht bloß gedacht, gelehrt und entworfen wurde, sondern vor allem gemacht, weil Künstler, Architekten, Designer, Bürger, Politiker und Unternehmer dasselbe wollten: die neue Stadt. „Wenn das Bauhaus die Akademie der Moderne war, dann war Frankfurt seine Werkstatt“, sagt Matthias WagnerK, der Direktor des Frankfurter Museums Angewandte Kunst.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Ausstellung „Moderne am Main“ ist der erste Beitrag der Stadt zum Bauhaus-Jubeljahr: Auf sie folgen in den kommenden Monaten Schauen im Deutschen Architekturmuseum und im Historischen Museum. Zum Auftakt wird voller Selbstbewusstsein postuliert: Ende der Goldenen Zwanziger „hat sich Frankfurt am Main als ein dem Bauhaus gleichwertiges, weltbekanntes Zentrum der Avantgarde etabliert“ – mit vielfältigen Beziehungen zur Bauhaus-Lehre.

          Die Dinge aus Sicht der alten Reichsstadt, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ein Modernisierungsschub erfasste, ins Zentrum zu rücken, statt wie hypnotisiert auf die Gründung von Walter Gropius zu starren, lautet das Anliegen.

          Sozial und praktisch, statt protzig und repräsentativ

          Mehr als fünfhundert, überwiegend von privaten Leihgebern bereitgestellte Exponate führen vor Augen, dass die „Moderne am Main“ weit mehr zu bieten hatte als Schöner Kochen in der berühmten Frankfurter Küche von Margarete Lihotzky, als die von Paul Renner entworfene Futura-Schrift und als die Siedlungsbauten des Stadtbaurats und Architekten Ernst May.

          Nur weil man in Hessen weniger daran interessiert war, ikonische Objekte zu schaffen oder Prestigearchitektur, sondern eher praktisch und sozial dachte, war man nicht weniger progressiv. Das soll der Blick auf das „Neue Frankfurt“ und sein Umfeld offenbaren.

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          Geprägt hatte den Begriff Ludwig Landmann, der das „Erneuerungsprogramm“ für die Stadt als Wirtschaftsdezernent und Oberbürgermeister vorantrieb. Sein erster Coup war die Wiedereröffnung der Frankfurter Messe im Jahr 1919. Grund genug für die Kuratoren Grit Weber, Annika Sellmann, Klaus Klemp und Matthias WagnerK eben dieses Jahr, das Bauhaus-Gründungsjahr, zum Ausgangspunkt auch ihrer Schau zu machen, obwohl das „Neue Frankfurt“ im eigentlichen Sinne erst Mitte der zwanziger Jahre Gestalt annahm.

          1930 schon zeigte es Auflösungserscheinungen, als Ernst May in die Sowjetunion ging. Wäre er so berühmt geworden wie Gropius, wenn er in die Vereinigten Staaten emigriert wäre?

          Durch Virtual-Reality in die Zwischenkriegszeit

          Die Ausstellung spannt den Bogen weiter bis zur Machtergreifung 1933 und folgt damit dem Erzählmuster von der demokratischen Avantgarde, die vom Nationalsozialismus liquidiert wurde. Kontinuitäten in die Zeit der Diktatur hinein und darüber hinaus verfolgt sie nicht. Sie will an den „weltoffenen, sachlichen und zukunftsfrohen Geist“ der Stadt erinnern, den Landmann beschwor.

          Kreativ im Kollektiv: Zur Einstimmung können sich Besucher mit Hilfe einer Virtual-Reality-Brille einen Überblick über das Netzwerk von Institutionen, Personen und Zirkeln verschaffen, die das Moderne-Projekt am Main verwirklichten. Viele begegnen einem an den folgenden sieben thematischen Stationen wieder, allen voran das Künstlerpaar Bergmann-Michel, das Werbegraphiker, Architekten, Filmschaffende und Fotografen in seinem Zirkel in Kontakt brachte.

          Den Auftakt macht die Messe, deren damalige Gestalt Originalplakate und historische Fotos erahnen lassen. Als Ort des nach dem Ersten Weltkrieg wiederbelebten internationalen Austauschs bildete sie die Grundlage des „Neuen Frankfurts“; dort hatte der Werkbund ein eigenes Gebäude und errichtete Peter Behrens ein „Haus der Moderne“.

          Im Hochbauamt übernahmen darauf Ernst May und Martin Elsaesser das Ruder, und die Kunstschule Frankfurt engagierte Lehrer aus dem Weimarer Bauhaus wie Willi Baumeister. Dafür, dass Entwürfe der Kunstschule sich im Stadtbild wiederfanden, sorgten Unternehmen, Vereine und Verwaltung mit ihren Aufträgen. Fotografinnen wie Grete Leistikow und Elisabeth Hase hielten den Wandel fest, den auch das Magazin „Das Neue Frankfurt“ dokumentierte.

          Die heitere Frankfurter Moderne

          Oskar Schlemmer gestaltete das dadaistisch-konstruktivistisch angehauchte Plakat zur Einweihung der Neuen Alten Brücke 1926, auf dem unter dem schönen Mundarttitel „Un es will mer net in mei Kopp enei“ eine Aufführung nach dem Vorbild seines Triadischen Balletts in der Festhalle angekündigt wird. Walter Gropius entwarf Automobilkarosserien für die Adler-Werke.

          Lampen- und Stuhlhersteller wurden, wie eine umfangreiche Zusammenstellung von Originalen beweist, vom neuen Formwillen erfasst. Richard Schadwell entwarf für die FuldAG das Urbild des Tischtelefons. Wo neue technische Geräte ins Spiel kamen, so zeigt die Schau mit ihren überraschendsten Stücken, herrschte die reine Experimentierfreude.

          Wenn der Komponist Paul Hindemith in einem Spielfilm voller absurder Trickeffekte auftaucht und verschwindet, wenn man selbst den Nachbau eines Theremin-Synthesizers zum Jaulen bringen kann, zeigt sich die Moderne von ihrer heiteren Seite. Zu hören ist auch das erste jemals aufgenommene Radiohörspiel, entstanden am innovativen Frankfurter Sender.

          Die Dokumentation der stadtplanerischen Maßnahmen, die Normblätter für alles und jedes – vom Fenster über die Gartenlaube für den ordentlichen Schrebergarten bis zum Standardgrabstein –, offenbaren nicht nur den Willen, eine grünere, lichtere, demokratischere Stadt zu verwirklichen. Sie entlarven, obwohl die Ausstellung es nicht explizit thematisiert, auch den bürokratischen Furor, den eine in die Hand der Politik und Verwaltung gelegte Gestaltungbewegung entwickelte. Über diesen inneren Widerspruch würde man gerne mehr erfahren.

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