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Museen in Deutschland : Die Jahre der wilden Sammelwut

Zu lange haben sich die staatlichen Museen für moderne Kunst den Interessen privater Kunstfreunde ausgeliefert - mit fatalen Folgen. Ein verdruckstes Wort steht im Zentrum der aktuellen Misere: die „Dauerleihgabe“.

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          Die Kunstwelt ist aus den Fugen. Eine museumspolitische Hiobsbotschaft jagt die nächste. Und die Hintergründe der diversen Desaster, die jetzt ans Licht kommen, scheinen einem absurden kulturpolitischen Happening zu entstammen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein Museumsdirektor macht mit einem anonymen Geldgeber Geheimverträge über „Dauerleihgaben“ für sein Museum, die die Stadt jeweils nach einem Jahr erweben kann, wovon die Stadt, wie ihre Vertreter beteuern, aber leider nichts wußte, weswegen sie nichts kaufen konnte.

          Dauerleihgaben verkauft

          Woraufhin nicht weniger als 500 Werke aus der scheinbaren „Sammlung“ des Museums quasi über Nacht die Stadt verlassen und ihr ein empfindlich ausgeräumtes Museum bescheren - so gerade geschehen in Frankfurt, im Museum für Moderne Kunst. Ein Sammler dementiert hartnäckig, daß er seine Dauerleihgaben, die ein ganzes Museum füllen, verkauft, und verkauft sie plötzlich doch, was die Gefahr einer auseinandergerissenen Sammlung mit sich bringt - so geschehen in Bonn.

          Ein „Mäzen“, der nebenbei auch Galerist ist, gibt seine Sammlung moderner Kunst in eine ostdeutsche Stadt, die mit der Sammlung nicht viel anzufangen weiß, woraufhin der Galerist sich beleidigt zeigt und soviel, wie er kann, aus dem Museum wieder herausräumen läßt, weswegen dieses plötzlich halbleer in der Gegend herumsteht - so geschehen in Weimar.

          Kunstspekulant im Gönnergewand

          Weitere museumspolitische Katastrophen dieser Art sind nur eine Frage der Zeit. Ein verdruckstes Wort steht im Zentrum dieser aktuellen Museumsmisere: die „Dauerleihgabe“. Die Dauerleihgabe ist, wie ihr unschöner Name verrät, die häßliche Tante des Geschenks: eine Gabe, die zwar Dauer verspricht, aber juristisch jederzeit wieder zurückgenommen werden darf und in der Kunstwelt eher ein Geschenk für den Schenkenden ist - denn im Museum steigt der Wert einer Leihgabe deutlich, so daß nach dem Ende der Leihfrist die Gabe teurer in die Arme des Gebers zurückkehrt.

          Hinter der Misere der Museen, hinter dem skandalösen Abzug der 500 „Dauerleihgaben“ des Immobilienunternehmers Dieter Bock, der das Frankfurter Museum für Moderne Kunst in eine existentielle Krise stürzt, steht der Wandel einer zentralen Figur der bundesrepublikanischen Museumskultur: der des privaten Sammlers. Der Mäzen alter Prägung, der seine Sammlung in einer großzügigen Geste, ohne Vorbehalte und Klauseln, einem Museum schenkt, wird zunehmend vom Kunstspekulanten im Gönnergewand abgelöst.

          Wertsteigernde Zwischenlagerung

          Geblendet vom Versprechen kurzfristigen Prestiges, das eine üppige Sammlung aktueller Kunst verspricht, lieferten sich gleich mehrere Museen ihren Sammlern auf Gedeih und Verderb aus: Auf fünfzehn Jahre hatten die von Dieter Bock finanzierten Werke im MMK zu bleiben, jetzt ist die Zeit vorbei - und das Depot leert sich prompt. Anderswo ist es kaum besser. Das Städtische Kunstmuseum Bonn hatte dem Sammler Hans Grothe die Kostenübernahme für Lagerung, Pflege und Versicherung seiner umfassenden Kollektion deutscher Nachkriesgskunst in einem Vertrag zugesichert.

          Dieser hinderte ihn andererseits aber nicht vor vier Jahren etliche Werke für geschätzte fünfzehn Millionen Dollar sowie Gerhard Richters „Stadtbild Madrid“ für neun Millionen zu verkaufen. In Weimar setzte der Galerist Paul Maenz durch, daß das dortige Museum nur ein Viertel seiner Sammlung geschenkt bekam, ein weiteres Viertel dagegen teuer ankaufen mußte; die verbleibende andere Hälfte der Sammlung Maenz wurde als Leihgabe von unbestimmter Dauer wertsteigernd im Museum zwischengelagert.

          Vergoldungsmanufaktur des Kunstmarktes

          Die Folgen solcher abenteuerlichen, bisweilen, wie in Frankfurt, sogar heimlich zwischen Direktoren und Sammlern ausgekungelten Abmachungen sind gravierend. Das Museum, das nach seiner Definition, im Gegensatz zur Ausstellungshalle, eben keinen zeitlich begrenzten Rahmen zur Präsentation von Kunst bieten, sondern eine Kontinutität der Sammlung garantieren und epochale Entwicklungslinien langfristig nachvollziehbar machen sollte.

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