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Museen : Im Seelenkino der gebildeten Stände

Der wiedereröffnete Prado in Madrid zeigt ungesehene spanische Kunst des neunzehnten Jahrhunderts im neuen Anbau von Rafael Moneo, der als temperamentvollster Architekt Spaniens gilt.

          Straßen werden abgesperrt, Kanaldeckel angehoben, Hubschrauber überfliegen die Innenstadt: Es sind die letzten vierundzwanzig Stunden vor der Eröffnung des neuen Prado. Höchste Sicherheitsstufe. Bevor die Besucher erstmals die eingerichteten Räume des Neubaus von Rafael Moneo mit der Ausstellung „Das neunzehnte Jahrhundert im Prado“ bestaunen dürfen, kommen das Königspaar und viel Prominenz.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Unter dem Wort „Fertigstellung“ mag man in verschiedenen Ländern verschiedene Dinge verstehen, in Spanien bedeutet es, dass bis zur letzten Nacht noch Geröllhaufen, Absperrungsgitter und Restmüll herumliegen. Was eigentlich nicht sein dürfte, wenn man bedenkt, dass der renommierte Architekt Moneo, inzwischen siebzig, vor genau neun Jahren den Zuschlag für dieses Projekt erhielt. Es wurde ein Höllenritt. Kulturminister kamen und gingen. Es gab Streit, Pressekampagnen und Gerichtsprozesse. Jetzt ist Moneo der Sieger, auch wenn er bescheiden auftritt. Dass die Sache nicht in neun, sondern auch in vier Jahren zu machen gewesen wäre: geschenkt. Er habe immer Vertrauen in dieses Unternehmen gehabt, sagte er vor ein paar Tagen. Doch wenn es noch lange so weitergegangen wäre mit den Debatten und Anfeindungen, er hätte die Sache hingeworfen.

          Fünfzig Prozent mehr Nutzfläche

          Zahlen genügen, um den Projektionsraum der größten Prado-Umgestaltung der Geschichte anzudeuten. Von jetzt an hat Spaniens bedeutendste Kunstsammlung fünfzig Prozent mehr Nutzfläche, besitzt einen Konferenzsaal für vierhundert Zuhörer, ein nagelneues Depot sowie eine Bibliothek, die den Namen verdient. Sämtliche Serviceabteilungen sind vom Haupthaus in die neuen Räume gewandert. Auf der Rückseite des Prado, dort, wo wenig Platz zu sein schien, erhebt sich Moneos schlichter roter Bau mit den zwölf Säulen, umgeben von einer einladenden Spaziergegend mit Buchsbaumgarten und einem schönen Blick auf eines der ältesten Viertel Madrids. Die wahren Dimensionen des Anbaus bleiben dem ersten Blick verborgen, denn die Verbindung mit dem Villanueva-Palast befindet sich unterhalb des Straßenniveaus. Die Kosten, um mehr als zweiundzwanzigtausend Quadratmeter zu bauen, haben sich im Lauf der Jahre versechsfacht. Am Ende waren es 152 Millionen Euro.

          Eine besondere Ausstellung musste her, um die Vollendung zu feiern. Dass die Wahl auf das spanische neunzehnte Jahrhundert fiel, spricht für die gedankliche Konsequenz des baskischen Direktors Miguel Zugaza, der die letzten sechs Jahre des Übergangs, der Bauarbeiten und des Platzmangels dazu benutzt hat, die ehemals königlichen Sammlungen, aus denen der Prado hervorging, zu historisieren - etwa mit Ausstellungen, die Manets Beeinflussung durch Velázquez zeigten oder Picassos Anleihen bei El Greco, Velázquez und Goya.

          Allenfalls ein schemenhaftes Bild

          Kunst als Einfluss- und Aneignungsgeschichte, diese Idee lässt sich erst recht für das spanische neunzehnte Jahrhundert reklamieren, nur dass diese Epoche dem ausländischen Betrachter noch nie nahe war. Im Gegenteil. Spaniens politisch-gesellschaftliches Drama - Krieg, Autoritarismus, 1898 der Verlust der letzten überseeischen Kolonien - verblasste stets neben Schauwerten eines wild-pittoresken Landes in Europas Südwesten, das schon Hans Christian Andersen als berauschend anders empfand. Während die Kunstszene im zivilisierteren Europa die kreativsten Köpfe anzog, blieb die Entwicklung im rückständigen Spanien sich selbst überlassen, zumal die wichtigsten spanischen Künstler ohnehin nach Paris oder Rom pilgerten.

          So erklärt es sich, dass wir von der spanischen Malerei zwischen Goyas Tod (1828) und den Werken des jungen Picasso um 1900 allenfalls ein schemenhaftes Bild haben. Und nicht nur wir. Auch die Spanier konnten zehn Jahre lang kaum etwas von den dreitausend Werke umfassenden Prado-Beständen des neunzehnten Jahrhunderts sehen, weil das „Casón del Buen Retiro“, in dem diese Kunst früher ausgestellt war, wegen Baufälligkeit geschlossen werden musste. Und in den Jahren davor besetzte Picassos „Guernica“ gleich einen ganzen Saal.

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