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Museen : Der Weg ins Licht

  • -Aktualisiert am

Nofretete und das Ägyptische Museum beziehen ihr Interimsquartier auf der Berliner Museumsinsel. Der Weg von Charlottenberg in den Osten Berlins ist nicht nur eine Rückkehr, sondern auch ein Weg ins Licht.

          Nie war ihr Name so zutreffend wie jetzt: Gestern kehrte Nofretete, zu deutsch „die Schöne ist gekommen“, zurück auf Berlins Museumsinsel. In ihrem Gefolge die Bestände des Ägyptischen Museums und die berühmte Papyrussammlung; auch sie teilweise Rückkehrer aus Charlottenburg, wohin sie infolge der deutschen Teilung gelangt waren.

          Etwa fünfzig Prozent aller Objekte - derer aus dem Westen und derer, die das Bodemuseum der DDR besaß - werden nun im ersten Stock von Schinkels Altem Museum präsentiert. Dieses wiederum ist auch nur ein Interimsquartier. Denn 2009 wird - so Gott und die Staatsfinanzen es wollen - alle ägyptische Kunst dorthin zurückkehren, wo sie ursprünglich war: in August Stülers 1842 hinter dem Schinkelbau eingeweihtes Neues Museum, dessen Wiederaufbau im Gang ist.

          Werke der „Amarnaphase“

          Der Weg von West nach Ost war einer aus der Dunkelheit ins Licht: In Charlottenburg wurde die Kunst in sorgfältig abgedunkelten Räumen dargeboten. Was vorwiegend dem Schutz der Artefakte diente, lud sie zugleich auf mit Tempel- und Gruftmagie. Schinkels Bau dagegen taucht sie ins Licht der Aufklärung. Doch ihre Magie haben sie nicht verloren, sie ist nur anders geworden, frappierend in dem, was das Hauptanliegen des Direktors Dietrich Wildung ist: Präsenz.

          Das gilt vor allem für die Werke der „Amarnaphase“, der Zeit Nofretetes und ihres Gemahls, des "Ketzerpharaos" Echnaton. Die Kunst seiner Ära schwenkte vom jahrtausendalten Idealisieren um zu einem Verismus, der oft die Grenze zum extrem Expressiven, ja Karikierenden überschritt. Ungewohnt bietet sich beispielsweise das Jugendbild der Teje, der Mutter Echnatons dar; sinnliche Jugend, in der schon jene Individualität aufscheint, die kurz darauf Prinzip wird. Nie sah man den Anflug von Koketterie, der dem Relief innewohnt, so deutlich, fast entlarvt wie in diesem fein gefilterten Tageslicht.

          Jede Pore, jede Falte zeigt sich

          In einem gebrochenen Weiß sind die Wände und Podeste gehalten, die Glasvitrinen völlig unprätentiös auf das Notwendigste beschränkt. Wären nicht die harmonischen Proportionen der Säle, man würde vom Auferstehen des Neutralraums sprechen, den die zwanziger und fünfziger Jahre zum Ideal aller Museen erhoben. Hier bewirkt er jedenfalls, daß sich die nach Themen geordneten Gruppen von Schreit- und Sitzstatuen, Statuetten, Mumien und Keramiken in ihrer Materialität und verblichenen Buntheit souverän behaupten.

          Endlich zeigt sich jede Pore, jede Falte und jeder Wulst am geschorenen Schädel des berühmten "Grünen Kopfs". Fast bedrängend ist die manierierte Lebendigkeit, die der Künstler diesem Priester des Jahres 350 vor Christus verliehen hat. Doch ausgerechnet vor dem Publikumsmagneten, vor Nofretetes Büste, versagt das Lichtprinzip: Kein Thronsaal für die Schöne, sondern ein kahler Raum, in dem sie, hinterfangen von einer massigen Wandscheibe, unter einem mannshohen - also viel zu großen - Glassturz zur Schau gestellt ist.

          Bei Bedarf grausame Herrscherin

          So braucht es seine Zeit, bis dieses Gesicht die vielbeschworene Faszination entfaltet. Dann aber ist sie gewohnt unwiderstehlich: Wieder fragt man sich, ob diese bestrickend schöne Frau lasziv oder verhalten lächelt, ob ihre makellosen Züge Göttliches oder Irdisches ausdrücken sollen, ob sie, die so verwundbar scheint, tatsächlich jene zärtliche Frau und Mutter war, als die sie andere Amarnareliefs feiern, oder ob hinter der Engelsstirn doch der stählerne Willen wohnte, den ihr Ägyptologen zuschreiben, die sie als die wahre, bei Bedarf grausame Herrscherin sehen, die womöglich - symbolisch zum Mann mutiert - Nachfolgerin Echnatons wurde.

          Zwei Schritt weiter erneut eine Statuette diese Rätsel. Es ist eine gealterte Nofretete, mit scharfen Nasalfalten, verbittertem Mund, hängenden Brüsten und aufgedunsenem Leib. So drastisch wurde außer ihr nur die greise Teje dargestellt. Zermürbte Machtmenschen? Verblühte Luxusgeschöpfe? Frauen, denen Ehrgeiz, Selbst- und Herrschsucht die Züge verbrannt haben? Eines ist sicher: die Amarnakunst schafft mühelos und ohne Hilfe, was Dietrich Wildung erreichen will - Aktualität.

          Ergänzung und Gegengewicht

          Noch eines ist sicher: daß nämlich im Neuen Museum ganz andere Verhältnisse herrschen werden. Denn dort sind viele Säle in ihrer original spätklassizistischen üppigen Dekoration, teils schwer, teils leicht beschädigt erhalten geblieben. Als Ergänzung und Gegengewicht hat der Architekt des Wiederaufbaus, David Chipperfield, vorgesehen, die völlig zerstörten Trakte sowie das ausgebrannte, ehemals für seine Kaulbach-Fresken und Relieffriese berühmte Treppenhaus nur in den Großformen, aber ohne Dekor wiedererstehen zu lassen.

          Lange gelobt, ist dieses Konzept in den letzten Wochen heftig angefeindet worden. Die Bürgerinitiative "Gesellschaft Historisches Berlin" fordert die totale Rekonstruktion, unterstützt neuerdings von dem amerikanischen Bauhistoriker Douglas Klahr, der deswegen bereits an den Bundestag und die Unseco appelliert hat.

          „Halbtote Lebendigkeit“

          Stüler soll wieder her, Chipperfield soll verschwinden: Sogar Chipperfields Empfangs- und Verteilerhalle, die vor dem Altbau als diskreter kubischer Glasriegel entstehen soll, wird nun als Sakrileg wider das Denkmal Museumsinsel diffamiert. Respekt vor Geschichte beteuern beide Seiten. Nur hat die eine, die fanatisch auf der lückenlosen Kopie des Alten besteht, die Maxime ihres Säulenheiligen Karl Friedrich Schinkel vergessen.

          Er, der Lehrer August Stülers und leidenschaftliche Denkmalpfleger, erklärte alle bloße Nachahmerei für verfehlt. Damit enstünde "eine halbtote Lebendigkeit." Agust Stüler wiederum und seine Auftraggeber gestalteten das Neue Museum als ein dreidimensionales Schaubild des stetigen Fortschreitens von Kunst und Geschichte. Genau das hat auch David Chipperfield vor.

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