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Musee du Quai Branly : Wo das wilde Denken wohnt

  • -Aktualisiert am

Paris fiebert einem jener Kulturereignisse entgegen, die alle zehn Jahre einmal den französischen Nationalstolz mobilisieren: Am Dienstag wird das Musee du Quai Branly eröffnet. Doch sein Konzept ist nicht ganz ausgereift.

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          Paris fiebert einem jener Kulturereignisse entgegen, die alle zehn Jahre einmal den französischen Nationalstolz mobilisieren. Es geht allerdings um die Ver- und Entpuppung einer Institution, bei der noch nicht entschieden ist, ob Bedeutung oder Fragwürdigkeit überwiegen.

          Kurz nach seinem Amtsantritt hatte Präsident Chirac 1996 beschlossen, auch unter seiner Ägide solle Paris ein neues Museum erhalten. Das ist mittlerweile Tradition unter den Präsidenten der Fünften Republik: Mit dem ausgebauten Louvre haben klassische Malerei, mesopotamische, ägyptische, griechische und frühislamische Antikensammlung ihr prominentes Haus erhalten. Das 1986 eingeweihte Musee d'Orsay schloß sich mit seinem in Industrie, Kunsthandwerk und l'art pour l'art aufgefächerten Panorama des neunzehnten Jahrhunderts an. Das Centre Pompidou ist für die moderne und zeitgenössische Kunst da, das Musee Guimet für fernöstliche, und das Institut du Monde Arabe präsentiert in Ausstellungen Objekte aus dem arabischen Raum.

          Im Musee de l'Homme am Trocadero und im Palais der Kolonialausstellung von 1931 an der Porte Doree - gleich neben den Zierfischen des dort ebenfalls untergebrachten Aquariums - befanden sich jedoch zahlreiche völkerkundliche Gegenstände, die nicht in den ästhetischen Rahmen der neuen hauptstädtischen Museumstopographie paßten. Der Kunsthändler Jacques Kerchache und andere Vertraute konnten Chirac davon überzeugen, daß es Zeit sei, diese Bestände aus der wissenschaftlichen Obhut der Ethnologen zu befreien und die afrikanischen, amerikanischen und ozeanischen Masken, Werkzeuge und Gewänder für sich selbst sprechen zu lassen. Was Picasso und seine Freunde zu Beginn des Jahrhunderts mit ihrem Interesse an der rein künstlerischen Ausdruckskraft des „art africain“ begonnen hatten, sollte nun endlich auch museumsinstitutionell vollzogen werden.

          Politisch vermint

          Nun ließ schon Bayerns König Ludwig I. Erwerbungen aus der Südsee neben Bilder von Raffael hängen, und Apollinaire verlangte 1906, daß einige völkerkundliche „Meisterwerke“ aus dem Trocadero ins Kunstmuseum umgehängt werden müßten. Nie erfolgte die Uminterpretation vom Hand- zum Kunstwerk, vom Ritual- zum Kontemplationsobjekt aber so explizit und so kontrovers wie im Paris von heute. Denn zur konzeptuellen und institutionellen Debatte kam die über das Kolonialerbe und den Kulturgütertransfer hinzu: Stephane Martin als Chef des neuen Museums ließ sich 2000 beim Kauf dreier illegal aus Nigeria ausgeführten Tonfiguren überraschen. Das ganze Museumsprojekt war somit früh politisch vermint.

          Der ursprünglich vorgesehene Name „Musee des arts premiers“ - das Wort „Primitivkunst“ galt es zu vermeiden - wurde abgeschwächt zum unverfänglichen „Musee du Quai Branly“: nach dem Standort am Seine-Ufer, einen Steinwurf vom Eiffelturm entfernt. Doch der Prestigebau des Architekten Jean Nouvel, den Chirac am kommenden Dienstag eröffnen wird, trägt trotzdem Stigmata: die eines komplizierten musealen Verpuppungsprozesses.

          Ein wahres Bild der Kultur?

          „Keine völkerkundliche Sammlung kann heute mehr glaubhaft den Anspruch erheben, über ihre Objekte ein wahres Bild von der jeweiligen Kultur zu vermitteln“, schrieb der Ethnologe Claude Levi-Strauss vor zehn Jahren und unterstützte damit ausdrücklich die geplante Umverteilung aus dem seiner Forschung wegen berühmten Musee de l'Homme in den neuen Kunsttempel. Dagegen protestierten andere Experten wie der Anthropologe Louis Dumont: Allen Objekten unseren modernen Begriff der „Schönen Künste“ überzustülpen führe zu jener Illusion einer Weltkultur, die sich mit den Vorurteilen bürgerlicher Parvenus ästhetisch an einer bloß abstrakten Kulturenvielfalt ergötze.

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