https://www.faz.net/-gqz-sj2l

Musee du Quai Branly : Wo das wilde Denken wohnt

  • -Aktualisiert am

Das Musee de l'Homme ist inzwischen geschlossen, sein Bestand von knapp dreihunderttausend Objekten teilweise dem neuen Museum einverleibt. Eine Auswahl von gut hundert Objekten hängt seit sechs Jahren in zwei Sondersälen des Louvre als Demonstration dafür, wie aussagekräftig Stammeskunst auch ohne kulturgeschichtliches Hintergrundwissen sein kann. Diese Säle werden auch weiterhin dem Louvre erhalten bleiben.

Praktisch unkommentiert

Das Dilemma zwischen Forscher- und Konservatorenblick ist am Quai Branly mit einem Kompromiß gelöst worden. Die Ausstellungsstücke hängen teils geographisch, teils thematisch angeordnet, exquisit ausgeleuchtet, aber praktisch unkommentiert in ihren Nischen. Wer wissen möchte, was es mit diesen Masken, Gerätschaften, Statuetten genau auf sich hat, findet alle erdenkliche Information dazu an anderer Stelle im Raum.

Zahlreich bleiben bei dieser Lösung aber die Ungereimtheiten und offenen Fragen. Daß im Musee Guimet die Kunst- und Kultobjekte, am Quai Branly aber die Gebrauchsartefakte aus Asien gezeigt werden, ergibt in vielen Fällen eine beliebige Grenzziehung. Die relativ jungen, im Gebrauch oft ausgewechselten, nicht auf Ewigkeit angelegten Stücke des Branly-Museums widerstreben überdies dem auf Unikatsanspruch genormten Museumsblick: Was bei griechischen Münzen oder Schalen im Louvre zumindest archäologische Sakralwirkung zeitigt, weist im Branly-Museum lediglich die kalte Schönheit eines gerade erloschenen Kontextes auf.

Das Genie lief aus dem Zügel

Dank dem Fehlen des historischen Bruchs kann dieses Museum auch problemlos Archaisches neben Zeitgenössisches stellen: Wände und Decken eines Trakts wurden von acht australischen Ureinwohnern ausgemalt. Wird dadurch aber Exotik dekorativ umgepolt oder Wandschmuck mit fremdem Inhalt aufgebläht?

Vielleicht liegt es an der komplexen Ausgangslage, daß Jean Nouvel bei diesem Projekt sein eigenes Genie aus dem Zügel lief. Gegenüber seinen Konkurrenten Tadao Ando, Peter Eisenman oder Rem Koolhaas bestach Nouvels Entwurf in der Endrunde vor sieben Jahren durch eine extreme Reduzierung des Gebäudevolumens. An der westlichen Schmalseite des Geländes an die bestehenden Wohngebäude angekeilt, wurde es mit einem Knick so in den Seine-Bogen gefaltet, daß für den Landschaftsplaner Gilles Clement 18.000 Quadratmeter Raum für den Garten frei geblieben sind.

Nie zuvor so magisch inspiriert

Nouvels Vorhaben, statt eines Monuments bloß eine Hülle um die bestehende Sammlung mit ihren teilweise monumentalen Stücken zu bauen, ist im Ausstellungstrakt vorzüglich geglückt. Er verzichtet auf alles, was Architektur sonst so zu bieten hat - Wände, Türen, Etagenstaffelung, Treppen. In einem durch Sonnenblenden und Glastönung gewonnenen Halbdunkel verbreitet der lange Ausstellungsraum auf Pfeilern zehn Meter über dem Erdboden eine Atmosphäre weihevoller Ruhe - halb Urwald, halb Kathedrale. Der Zugang erfolgt über eine geschwungene, von der Decke hängende Rampe, als hätten wir uns in einer Abfolge von Übergangsriten durch den Garten diesem Museum anzunähern. Nie haben wir Nouvel so magisch inspiriert gesehen.

Was er jedoch um dieses Kernelement anlegte, wirkt wie aus Selbst- und Fremdzitaten zusammengestückelt. Fassadenunschärfe durch Glaswandstaffelung, Spiralturm für die Sammlung der Musikinstrumente, pflanzenbewachsene Außenwand des Verwaltungstrakts - all das sieht aus wie der Katalog eines architektonischen Alleskönners und geht im Detail oft nicht auf. Immerfort müssen Decken abgeschrägt, Ecken umgewinkelt werden. Positiv ausgelegt ließe sich sagen, dies sei die architektonische Umsetzung jenes „Bastelns“, das Claude Levi-Strauss als Grundgestus des „wilden Denkens“ identifiziert hat. Man kann es aber auch als architektonisches Indiz dafür sehen, daß da ein Museumskonzept noch nicht ganz ausgereift ist.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.