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Rembrandt-Schau bei Paris : Die Tragik ist hier eingraviert

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Noch nie wurden sie bisher ausgestellt: Das Musée Condé bei Paris zeigt Rembrandts Radierungen aus der Sammlung des Herzogs von Aumale.

          Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606 bis 1669) galt schon zu seinen Lebzeiten als Genie in der Kunst der Radierung. Sein ausdrucksstarker, lebendiger Stil und die Wahl seiner Themen fanden im aufsteigenden Bürgertum des „goldenen“ niederländischen siebzehnten Jahrhunderts eine besondere Resonanz. Natürlich konnte sich nicht jeder ein Gemälde aus dem Rembrandt-Atelier leisten, die Druckgrafik war hingegen finanziell und durch die höheren Auflagen leichter zugänglich. Schon Mitte des siebzehnten Jahrhunderts riss man sich um die immer teurer werdenden Drucke. Auch in den darauffolgenden Jahrhunderten war es für jede Kunstsammlung, die etwas auf sich hielt, nicht nur eine Prestigefrage, sondern unbedingte Liebhaberangelegenheit, Werke von Rembrandt zu besitzen.

          Sammlerleidenschaft und Rembrandt-Begeisterung gehören untrennbar zu dem zwar kleinen, aber qualitativ hochrangigen Konvolut aus der umfangreichen Kunstsammlung des Herzogs von Aumale. Es umfasst einundzwanzig Radierungen, zwei Zeichnungen und ein rares Büchlein von 1655 mit vier Stichen des niederländischen Meisters.

          Wie alle großen Sammler interessierten ihn die Herkunft der Werke und die Zusammenstellung eines ausgeglichenen Panoramas der Rembrandt-Drucke: mit Frühwerken, Landschaften, wichtigen Porträts und einigen der berühmtesten Blätter. Sämtliche Papierarbeiten, die jetzt im Musée Condé im Schloss Chantilly zu sehen sind, wurden seit dem Entstehen dieser geschichtlich und kunsthistorisch außergewöhnlichen Sammlung noch nie öffentlich gezeigt. Das ist erstaunlich, hängt jedoch mit den eigenwilligen Auflagen zusammen, die Henri d’Orléans, der Herzog von Aumale (1822bis 1897), bezüglich seiner Sammlung hinterlassen hat.

          Der Duc d’Aumale musste 1848 nach dem Sturz der Julimonarchie seines Vaters, des liberalen Bürgerkönigs Louis-Philippe I., Frankreich verlassen und nach England ins Exil gehen. Als hochgebildeter Aristokrat wandte Aumale sich nach einer kurzen, aber brillanten Militärkarriere den Künsten zu. In den gut zwei Jahrzehnten, die er bis 1871 im Londoner Exil verbrachte, stellte er seine Sammlung zusammen. Henri d’Orléans, Duc d’Aumale, stammte aus der Linie der Prinzen von Bourbon-Condé und hatte schon 1830 als Großneffe des letzten, nachwuchslosen Prince de Condé ein immenses Erbe angetreten. Das fünfzig Kilometer nördlich von Paris gelegene Schloss Chantilly gehörte seit dem siebzehnten Jahrhundert den Bourbon-Condé und wurde während der Revolution zum Teil zerstört. Als der Duc d’Aumale 1871 aus dem Exil nach Frankreich zurückkehrte, baute er das Schloss wieder auf und richtete es als Wohnsitz und vor allem als musealen Ort für seine Sammlung ein. Sie umfasst immerhin 830 Gemälde, 5000 Drucke, 4000 Zeichnungen und 2200 Fotografien, außerdem Skulpturen, die historische Schlosseinrichtung und eine Bibliothek mit 19 000 zum Teil äußerst kostbaren Werken und Handschriften.

          Schloss Chantilly und das der Sammlung gewidmete Musée Condé müssen als ein Lebensprojekt verstanden werden, aber auch als eine Art Dienst fürs Vaterland. 1886 übereignete man die gesamte Anlage dem Institut de France, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Was den Besuch noch heute einzigartig macht, ist die Bedingung, die Aumale an seine Schenkung knüpft: Im Prinzip darf nichts verändert werden, weder am Schloss mit seinen Parkanlagen noch am Mobiliar und schon gar nicht an der Art, wie die Kunstsammlung des Musée Condé von Aumale selbst ausgestellt wurde. Kein einziges Objekt darf das Schloss je verlassen – es können also keine Leihgaben gemacht werden.

          Behutsame, dem Stil der Zeit entsprechende Renovierungsarbeiten werden dennoch vorgenommen. Erst im vergangenen Jahr wurde in den ehemaligen Gästezimmern der Familie Condé ein neues Graphikkabinett eingerichtet. Es ermöglicht, die umfangreiche, aufgrund ihrer Fragilität in Archiven aufbewahrte Sammlung mit Zeichnungen und Druckgrafik in Sonderausstellungen zu zeigen. Das Rembrandt-Konvolut hat nun zum ersten Mal die Archive verlassen, es ist ein Herzstück in Aumales Kollektion. Er kaufte einerseits Werke, die er unbedingt für Frankreich erhalten und dauerhaft in seinem Land wissen wollte, aber wie jeder Sammler hatte er seine Passionen. Rembrandt gehört dazu. Aumale hat wohl nichts so sehr bereut wie die Tatsache, dass er kein Gemälde von ihm kaufen konnte. Das berühmte „Selbstbildnis von 1640“ stand 1861 zum Verkauf an, aber die Londoner National Gallery kam ihm zuvor.

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