https://www.faz.net/-gqz-yj0t

Münchner Sammlung in Feierlaune : Was der König kaufte, ersteigert der Direktor nimmermehr

  • -Aktualisiert am

Die Alte Pinakothek in München feiert ihr 175. Jubiläum. „Frau mit der Waage“ von Jan Vermeer hat dort nur ein Gastspiel. Dabei gehörte das Meisterwerk einst dem König von Bayern. Ein Lehrstück in Sachen Geschmack.

          4 Min.

          Die Alte Pinakothek in München feiert Geburtstag. Vor 175 Jahren eröffnete sie als eines der ältesten Museen in Deutschland und ließ ab sofort die Bevölkerung an den königlichen Bilderschätzen teilhaben. Zum Jubiläum jetzt besann man sich klug auf die eigenen exzellenten Schätze und rückte Aspekte ins Rampenlicht, die bisher im Dunkeln schlummerten. Mit der Ausnahme eines einzigen, hohen Gastes: Johannes Vermeers „Frau mit der Waage“ (um 1664) folgte der Einladung und reiste im Schutze bewaffneter Begleiter aus Washington an, um der großartigen Galerie Reverenz zu erweisen.

          Es ist ein Heimholung auf Zeit, denn die schöne Wägerin befand sich einst in München. Sie hing mit der privaten Gemäldesammlung König Max I. Joseph von Bayern in dessen Appartement, im zweiten Stock der Residenz. Dass man sie leichtfertig ziehen ließ, gehört zu den wenigen wirklich tragischen Versäumnissen, die im Verlauf einer langen und ausnehmend erfolgreichen Sammlungsgeschichte zu beklagen sind. Aber Johannes Vermeer, der große Delfter Meister mit dem kleinen Œuvre, war so etwas wie ein kunsthistorischer Schläfer.

          Verlorenes Glanzstück

          Als man ihn Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wieder und erstmals wirklich entdeckte, war es schon geschehen: Nach Max Josephs Tod kam seine Privatsammlung 1826 zur Auktion. Und während es gelang, daraus im Hinblick auf die Alte Pinakothek, deren Grundstein König Ludwig I. wenige Monate zuvor gelegt hatte, einige bedeutende Bilder für die Staatssammlungen zu ersteigern, wanderte just die „Frau mit der Waage“ außer Landes und damit ein Hauptwerk Vermeers und kostbares Glanzstück der holländischen Genremalerei des siebzehnten Jahrhunderts.

          Galeriedirektor Johann Georg von Dillis, selbst Maler und Connaisseur, hatte sie nicht einmal auf seiner Wunschliste geführt. Die Pinakothek aber konnte die Vermeer-Lücke nie mehr schließen, was angesichts eines Œuvres von nur rund drei Dutzend Bildern nicht weiter verwundert.

          Das Gleichnis der Waage

          Um 1664 malt der Delfter die junge Schöne in blauer, pelzverbrämter Morgenjacke, versunken in ihr umsichtiges Hantieren mit der kleinen Goldwaage. Vor ihr auf dem Tisch schimmern blanke Goldtaler und Perlenketten. Nichts stört die Stille der schlichten Zimmerecke, in welcher ein von schräg oben einfallender Lichtstrahl Regie führt. Sanft ergießt er sich über die graue Wand, fließt winzige Reflexe tupfend über Perlen und Metall und lässt schließlich die Frau in Schönheit und Präsenz erstrahlen.

          Eine Flut von Interpretationen versuchte die tiefere Bedeutung des Bildes zu entschlüsseln, wobei das hinter der Frau an der Wand hängende „Jüngste Gericht“, die „Seelenwaage“ also, eine religiöse oder moralische Bewertung ihres Tuns nahezulegen scheint. Überzeugend klingt vor diesem Hintergrund der Vorschlag, als wichtigste Botschaft des Bildes die Aufforderung zu Mäßigung in der Lebensführung und sorgfältiger Abwägung aller Handlungen zu erkennen, versinnbildlicht durch die austarierte Waage.

          Einst musste sich Vermeer an der Feinmalerei messen

          Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg sah noch etwas anderes in diesem seinem Lieblingsbild, nämlich „ein frühes Selbstbildnis der Kunst“. Ein Gemälde, auf dem alle Passagen nicht nur beleuchtet, sondern „buchstäblich lichtgeschaffen, lichterzeugt sind“. Und, so Muschg weiter, die Radikalität der „Frau mit der Waage“ beruhe „auf dem Grad - und dem Bewusstsein - ihrer Gemaltheit. Der wahre Gegenstand des Bildes ist - dreihundert Jahre vor Cézanne oder Seurat - das Malen selbst.“ Der Künstler, ein anderer Schöpfer, malt eine Figur, die unter dem „Jüngsten Gericht“ stehe, ohne ihm weiterhin zu unterstehen, denn auch das Gericht „ist nur noch gemalt“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Coronavirus-Pandemie : Trump trägt jetzt Maske

          Amerikas Präsident lehnte es lange ab, wegen der Corona-Pandemie eine Gesichtsmaske zu tragen. Nun zeigt sich Donald Trump doch mit Mund-Nasen-Schutz. Die Zahl der Neuinfektionen in seinem Land steigt unterdessen auf ein neues Rekordhoch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.