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Ägyptische Kunst in München : Die neue Vitrine der Superlative

Mit dem Umzug der Ausstellung „Fünftausend Jahre“ wurde die Vitrine im Untergeschoss des staatlichen Museums für ägyptische Kunst in München eingerichtet. Bild: Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, München

Sie zählt 17 Meter in der Länge und fasst 700 Exponate: Die neue Vitrine im Untergeschoss des staatlichen Museums für ägyptische Kunst in München ist ein echter Hingucker.

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          Diese Vitrine könnte manchen Besucher des Staatlichen Museums für Ägyptische Kunst irritieren. Da war man eben noch hinabgestiegen in das lichte Untergeschoss des 2013 fertiggestellten Neubaus in der Gabelsbergerstraße, war dort um Rundplastiken aus verschiedenen Epochen des Pharaonenreiches herumgelaufen, alles Stücke von Weltrang, in wahrhaft großzügigen Abständen aufgestellt – und nun das: 700 Objekte in einer einzigen Vitrine.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die ist zwar siebzehn Meter lang, doch im Schnitt sind das immer noch mehr als vierzig Stücke pro Vitrinenmeter. Und das meiste davon sind auch noch Töpfe, vor allem zu Beginn. Bis zu den ersten Hieroglyphen sind es knapp fünf Meter, bis zum ersten anthropomorphen Sargdeckel mehr als acht.

          Doch das vermeintliche Sammelsurium ist eine sorgfältig komponierte Sequenz. „Fünftausend Jahre“ heißt der neue Raum, den diese Vitrine der Länge nach ausfüllt und mit dessen Eröffnung das Museum jetzt die Fertigstellung seiner Dauerausstellung feiert. Ihm fällt die Aufgabe zu, den Besucher die Chronologie der altägyptischen Geschichte vor Augen zu führen, von der spätneolithischen Naqada-Kultur um 4000 v. Chr. bis zum Beginn der islamischen Zeit.

          Denn in allen anderen Räumen des Hauses ist das Gezeigte eher thematisch als historisch organisiert, etwa der erst im vergangenen Jahr eröffnete Raum „Kunsthandwerk“, wo mit einem Kelch, der den Namen Pharao Thutmosis’ III. aus der 18. Dynastie trägt, das älteste sicher datierbare Glasgefäß zu bewundern ist.

          Mit viel Liebe zum Detail: Die neue Vitrine aus der Innensicht.

          Was lange währt, wird endlich gut

          „Wir sind schließlich ein Kunstmuseum“, sagt die Direktorin Sylvia Schoske, und dieses Selbstverständnis ist selbst historisch. Bedeutende Teile der Sammlung gehen auf Erwerbungen des kunstbegeisterten Ludwig I. von Bayern zurück und füllten einst den ersten Raum seiner Glyptothek. Der Charakter einer Kunstsammlung blieb aber gewahrt, als man Ludwigs pharaonische Schätze nach dem Krieg mit anderen Aegyptiaca in den Räumen der Residenz am Hofgarten vereinte.

          Wie problematisch diese Unterbringung war, wurde deutlich, als die Sammlung vor fünf Jahren in ihr neues Heim umgezogen war. Hier steht das Dreifache an Ausstellungsfläche zur Verfügung sowie eine moderne, museumspädagogisch viel besser nutzbare Innenarchitektur. Die heute rund 2800 ausgestellten Objekte machen ein Drittel des Gesamtbestandes aus und 98 Prozent des vorzeigbaren, also nicht ausschließlich wissenschaftlich interessanten Materials. Es gibt nur wenige altertumskundliche Museen, die so viel von ihren Schätzen auch tatsächlich zeigen können.

          Auch die „Fünf Jahrtausende“ hätten 2013 bereits dabei sein sollen, doch aus Finanzgründen blieb der Raum zunächst ein Provisorium. Heute ist Sylvia Schoske über die Verzögerung nicht mehr so unglücklich. „Die Präsentation ist besser, als wenn wir sie damals in einem Rutsch durchgeführt hätten“, sagt sie.

          So blieb auch mehr Zeit, aus dem Sammlungsbestand Objekte auszuwählen, die für einzelne historische Abschnitte typisch sind. Selbst in einem so ungeheuer stabilen Kulturraum wie dem alten Ägypten ändern fünftausend Jahre genug, dass hier einiges zusammenkam.

          Antike Töpfe sind in der neuen Vitrine auf Sand gebetttet: Die Liebe zum Detail ist eine Besonderheit der Ausstellung „Fünftausend Jahre“.

          Das erklärt die vielen Töpfe. Bevölkert Keramik die unterste von drei Ebenen der Vitrine fast durchgängig, findet man sie in den Abschnitten vom Neolithikum bis zur frühdynastischen Epoche auch in den beiden Ebenen darüber. Der objektorientierte Zeitstrahl bietet die Möglichkeit, den Besucher mit den Leitfossilien der Archäologie bekannt zu machen, die sonst gegen Statuen, Reliefs oder Waffen kaum Chancen auf Aufmerksamkeit haben. Hier dürfen sie die Hauptrolle spielen und etwa vorführen, wie Wellenhenkel an Naqada-Krügen sukzessive zu Ornamenten an den zylindrischen Gefäßen der proto- und frühdynastischen Zeit wurden.

          Die zumeist nicht standfähigen Gefäße stecken in acht Tonnen Sand, den Schoske und ihre Mitarbeiter eigenhändig in die Vitrine geschaufelt haben, um damit eine fließenden Landschaft in Wüstenanmutung in drei Präsentationsebenen zu gestalten. Deren Bestückung dürfte dem Team ähnlich Freude bereitet haben wie anderen Leuten der Aufbau einer Modelleisenbahn.

          Das Mumienporträt eines jungen Mannes aus dem römischen Reich (2. Jh. n. Chr.): Die griechische und römische Bevölkerung Ägyptens übernahm zum Teil ägyptische Bestattungsweisen.

          Neben den „typischen Stücken“ brachten sie dabei auch einige unter, die so untypisch sind, dass ihre zeitliche Einordnung vielleicht umso mehr interessiert: Eine Holzskulptur in Form einer Meerkatze aus dem Mittleren Reich etwa, die Zeichnung einer biertrinkenden Maus oder ein Terrakottakopf aus römischer Zeit. Was man unwillkürlich für die 3D-Variante der Mumienporträts jener Epoche halten mag, birgt tatsächlich einen bandagierten menschlichen Schädel, dessen Unterkiefer fehlt. Das Objekt ist Gegenstand laufender Forschung.

          Nutzung digitaler Technik

          Erläutert ist derlei nicht auf irgendwelchen Schildchen, sondern auf drei der insgesamt fünf Medienstationen des Raumes. Ihre Touchscreens verschaffen auch schnellen Überblick über die Zuordnung der Ausstellungsobjekte zu den einzelnen Epochen. Nun ist es heute fast Standard geworden, Museen und Sonderausstellungen mit ansprechend programmierten Benutzeroberflächen zu bestücken.

          Das birgt zwei Gefahren. Zum einen die, vor lauter Softwaregimmicks die Qualität oder auch nur Quantität der textlichen Information zu vernachlässigen. Dies wurde in den „Fünf Jahrtausenden“ mit großer Akribie vermieden – hier sind alle 700 Objekte in ausführlichen Texten beschrieben und eingeordnet.

          Die andere Gefahr ist die elektronische Deklassierung des Objektes und die Verwandlung einer Ausstellung in eine Abfolge von Computerspielen. Auch hier hätte man die Chronologie Ägyptens ja ganz in eine Medienstation packen können. Stattdessen setzte man auf die Wucht der Originale. Wie im übrigen Haus ja auch.

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