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Glyptothek-Ausstellung : Dicker Nero, reiches Kind

Nonverbal und offen

Die Philologie hat aus Schriftwerken der Verherrlichung des kaiserlichen Roms wie der Aeneis des Vergil Zwischentöne des verdeckten Widerspruchs herauspräpariert, „further voices“ (Oliver Lyne). Dagegen hat die Geschichte des antiken Bildnisses an ihren Gegenständen offenbar noch keine „weiteren Schattierungen“ entdeckt. Jenseits der unterschiedlichen Auftragslage von Dichtern und Bildhauern stehen wir hier wohl vor einem grundsätzlichen Unterschied der Gattungen: Das nonverbale Porträt wirkt auf den ersten Blick offener als die ausbuchstabierte Charakteristik, aber die mit der Verpflichtung auf Abbildlichkeit gegebene Unterbestimmtheit des Bildwerks bildet ingeniösen Umdeutungen kaum Ansatzpunkte.

Die Fülligkeit des auf etwa 65 nach Christus datierten Nero-Kopfes interpretiert der Katalog als Symbol der Fülle. Glaubwürdiger als der disziplinierte Familienunternehmer Harold Macmillan, eher schon wie Bill Clinton oder Helmut Kohl konnte der kindliche Kaiser seinen Mitbürgern mit Verweis auf die eigene Gestalt zurufen: Ihr hattet es noch nie so gut! Der Begriff der „luxuria“ sei ins Positive gewendet worden, ein Individualismus, der den Männern der von der Politik entlasteten Führungsschicht auch die Pflege ungesunder Hobbys erlaubt habe, sei schließlich auch in der Selbstdarstellung des mächtigsten Individuums durchgeschlagen. Literarische Belege für diesen Einstellungswandel führt der Katalog nicht auf: Die Evidenz des Szenarios ergibt sich aus dem Postulat, dass der dicke Kaiserkopf als positives Bild verstanden werden muss.

Ein Mann des Exzesses mit Riesenbabyface

Indem die Ausstellung den Münchner Nero an Privatbildnisse der Epoche heranrückt, widerspricht sie der These, dass Nero mit den Konventionen des Kaiserporträts seit Augustus gebrochen habe. In dieser Denkfigur des allein im Herrscherporträt greifbaren Stilbruchs schimmert das traditionelle Bild von Nero als Mann des Exzesses durch. Der Besucher lernt: Das Riesenbabyface hob sich von seiner Umgebung weniger stark ab, als man meint, wenn man vor dem Kopf steht.

Die Ausstellung, nach Angaben der Glyptothek die bislang weltweit größte zu ihrem großen Thema, lehrt sehen, indem sie im Titel gleich doppelt etwas vorspiegelt, was sie gar nicht zeigen kann: „Charakterköpfe“ sind die Idealvorstellung, die sich die Neuzeit von den fast nur in Bruchstücken erhaltenen antiken Porträts gemacht hat. Die meisten Köpfe gehörten zu Statuen, und die Vorstellung, die Nase sei von sich aus charaktervoll, ist eine Illusion. Man erfährt, wie viel an der Machart dieser Werke, die einen und nur einen Menschen zeigen sollen, Konvention und Nachahmung ist. Es konnte auch mehr oder weniger einfach ein Nero in einen Domitian umgearbeitet werden. Was auf den zweiten Blick nicht mehr ganz so frappant wirkt, macht gleichwohl staunen, weil man nun weiß, wie schmal der Spielraum war, den die Gattung für Variation und Innovation ließ: So öffnet die Ausstellung die Augen durch optische Enttäuschung.

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Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder konnte die Glyptothek eine Lücke in ihrer Kaisergalerie schließen: Aus dem spanischen Kunsthandel wurde ein 1937 in Córdoba ausgegrabener Kopf des Caligula erworben. Der Kaiser trägt wie der Augustus der berühmten Münchner Büste die „Bürgerkrone“ aus Eichenlaub, das Abzeichen der republikanischen Tugendhelden. Betrachtet man die beiden Köpfe nebeneinander, wird man den Eindruck einer Individualisierung der Physiognomie des jüngeren Kaisers schwer abweisen können. Und damit meldet sich auch die Frage nach dem Charakteristischen zurück. Man kann ja seinen Sueton nicht ungelesen machen. Wo versteckt sich der Schurke?

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