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„Iwan der Schreckliche“ : Kunstzerstörung mit Wodka und Politik

Das Gemälde «Iwan der Schreckliche und sein von ihm erschlagener Sohn am 16. November 1581» des Künstlers Ilja Repin in der Tretjakow-Galerie. Bild: dpa

Ein betrunkener Mann beschädigt in der Moskauer Tretjakow-Galerie Ilja Repins Meisterwerk. Was zuerst nach einem Unfall klingt, hat eine politische Dimension.

          Der Zar kniet, seinen von ihm höchstselbst niedergeschlagenen Sohn in den Armen, die Augen von Entsetzen oder Wahnsinn geweitet: Das Gemälde „Iwan der Schreckliche und sein Sohn Iwan am 16. November 1581“ des russischen Malers Ilja Repin ist eines der Meisterwerke in der Moskauer Tretjakow-Galerie. Am Freitagabend wurde es schwer beschädigt: Laut dem Museum durchschlug ein Besucher das Schutzglas mit einem Eisenpfahl und zerriss so die Leinwand an drei Stellen im Bereich der Figur des Thronfolgers.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Auch der Rahmen sei beschädigt. Glücklicherweise seien die „wertvollsten“ Teile des Gemäldes, die Gesichter und Hände von Vater und Sohn, nicht versehrt. Das Bild werde restauriert. Der Angreifer wurde festgenommen, ein Strafverfahren ist eröffnet; nach Angaben des Gerichts beträgt der Schaden mehr als eine halbe Million Rubel, gut 6900 Euro. So weit die nüchternen Umstände des Vandalismus. Aber der Fall hat eine Vorgeschichte.

          Repins Gemälde von 1885 gilt als Ausdruck von Auflehnung gegen Gewalt und Blutvergießen. Es war schon damals kontrovers, unterfiel nach seiner Präsentation der Zensur des Zaren – wenn auch nur für einige Monate. 1913 griff es ein altgläubiger Ikonenmaler namens Abram Balaschow mit einem Messer an, rief „Genug Tod, genug Blut!“ und stieß dreimal zu. Damals nahm Repin (1844 bis 1930) laut dem Museum selbst an der Restaurierung teil.

          „Hundert Gramm“ Wodka

          Balaschow wurde für psychisch gestört befunden, Ärzten übergeben und kam bald frei. Seinen mutmaßlichen Nachfolger führten russische Polizisten am Samstag in einem kurzen Video vor. Darin sagt der Mann mit Halbglatze in dunkler Jacke, er sei am Freitagabend gekommen, um das Bild anzusehen, und habe in der Museumskantine „hundert Gramm“ Wodka getrunken, was er sonst nicht tue.

          Er sei sich der Schwere seines Vergehens bewusst. Nach Agenturberichten handelt sich um einen 37 Jahre alten obdachlosen Arbeitslosen aus der zentralrussischen Stadt Woronesch, der das Gemälde wegen der „Falschheit der historischen Fakten“ auf der Leinwand attackiert habe. Vor Gericht sagte der Mann, er habe „verärgert über den Inhalt des Bildes“ nach einem Pfahl der Absperrungen im Saal gegriffen.

          Der Angreifer darf sich ganz auf Seiten des militant-revisionistischen Kreml-Zeitgeists fühlen. Iwan IV., Zar ab 1547, vergrößerte das Reich durch blutige Eroberungszüge. Unter seiner Herrschaft gab es eine systematische Repressionskampagne gegen wirkliche und vermeintliche Widersacher unter den Bojaren (Adeligen), die enteignet, verbannt und getötet wurden. Eine dazu gegründete Einheit, die Opritschniki, verbreitete im Auftrag des Zaren Angst und Schrecken.

          Loyalitätsgeste in Richtung des „Zaren“

          1581 soll Iwan seinen Sohn Iwan im Streit niedergeschlagen haben, was einige Tage später zu dessen Tod führte. Repin bezieht die Folgen in seiner Darstellung des vermutlich bedeutungsvollsten Falls häuslicher Gewalt der russischen Geschichte ein. Denn als der Zar drei Jahre später starb, kam der schwächliche Fjodor an die Macht, der 1598 kinderlos verschied. Es folgte die „Zeit der Wirren“, Hungersnöte, Unruhen, Krieg, bis 1613 die Dynastie der Romanows die Macht übernahm. Daher der Horror im Blick von Repins Zaren.

          Der Filizid wurde immer wieder angezweifelt. Jetzt aber mit Plazet von ganz oben. Denn in den vergangenen Jahren geht der Trend zur Glorifizierung von Herrschern aus Zaren- und Sowjetzeiten, nach der Faustregel: je brutaler und mächtiger, desto besser. Letztlich ist diese Feier unbeschränkter Herrschaft eine Unterwerfungs- und Loyalitätsgeste in Richtung des „Zaren“ im Kreml, Wladimir Putin.

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